Archiv für die Kategorie ‘Windstriche’

Konditionierungsmaschine

Veröffentlicht: 8. Januar 2014 in Windstriche
Die mediale Konditionierungsmaschine ist auch im Rundfunk allgegenwärtig. Eingeklemmt zwischen 60er-Jahre Mainstreammusik und Werbung verabreicht das Morgenjournal von Radio Bremen subkutan die tägliche Dosis zur sozialen Abrichtung. Neben weiteren Augenzeugenberichten über das vorgestern über dem Nachthimmel Bremens gesichtete UFO und der weltbewegenden Nachricht, in welches südliche Trainingswinterlager die heimischen Fußballidole von Werder Bremen heute fliegen, gibt es Zitate von unbekannten Arbeitsmarktexperten zu hören, wie sehr ein Mindestlohn von 8,50 Euro der Wirtschaft schade und letztlich zum Abbau von Arbeitsplätzen führe. Passgenaue und wohldosierte Frühstücksinformationen also für den um seinen Job bangenden prekär Beschäftigten. Und damit auch dem letzten unbelehrbaren Radiohörer bewusst wird, wer am ganzen Elend schuld ist, wird das entsprechende Feindbild gleich mitgeliefert. So klagt nur einen Beitrag später ein anderer vermeintlicher Experte das unmissverständliche Vorgehen des “Staats” gegen “Hartz IV-Schmarotzer und Scheinselbständige” ein und beruft sich dabei auf den Koalitionsvertrag. Wer gedacht hat, dass in Deutschland der Tiefpunkt der sozialen Verrohung und Entsolidarisierung mit der Vollstreckung der Agenda 2010 erreicht sei, wird in diesen Tagen eines Besseren belehrt. Das Fatale dabei: die Mehrheit hierzulande ist mit dieser Entwicklung absolut einverstanden. Da nutzt es dann auch nichts mehr einfach das Radio abzuschalten. Dieses Land hat ganz offensichtlich die Regierung, die es verdient, wie die Regierung das Volk, das sie sich im Interesse der Herrschenden wünscht.

Bernhard Hoetger, geboren am 4. Mai 1874 bei Dortmund als Sohn eines Schmieds, studiert nach einer Ausbildung zum Steinmetz an der Kunstakademie Düsseldorf. Von 1900 bis 1907 lebt er in Paris. Unter dem Einfluss von Maillol und Rodin entwickelt er in seinen Werken einen immer stärker werdenden expressionistischen Stil aus und steht als Architekt den Ideen des Deutschen Werkbunds und des Jugendstils nahe. Der Backsteinexpressionismus des Darmstädter Werkbunds ist repräsentativ für sämtliche Arbeiten Hoetgers, insbesondere auch für die mit allen Stilrichtungen der Zeit experimentierende Architektur in der Böttcherstraße. 1906 macht er in Paris die Bekanntschaft mit Paula Modersohn-Becker, die ihm von der Künstlerkolonie Worpswede berichtet. 1909 wird Hoetger zum Professor an die Darmstädter Künstlerkolonie berufen, einem Zentrum des Jugendstils in Deutschland. In den Folgejahren arbeitet er am berühmten Platanenhain auf der Mathildenhöhe und schafft dort zahlreiche weitere Plastiken und Kunstobjekte. Nach einer kurzen Zeit in Fischerhude lässt er sich schließlich in Worpswede nieder und prägt in den folgenden Jahren mit seinen Bauwerken und Plastiken die künstlerische Weiterentwicklung der 1889 gegründeten Künstlerkolonie. Der „Anarchist vom Weyerberg“, wie Hoetger auch genannt wird, verarbeitet als eine Art Vorreiter der Postmoderne in seinen Werken auf eklektische Weise die verschiedensten Epochen und Stilrichtungen und „filtert [dabei] aus den Religionen und Philosophien“ immer genau das heraus, was in sein ästhetisches Weltbild passt. Hoetger sympathisiert in jenen Jahren mit der sozialistischen Arbeiterbewegung und der Idee des Kommunismus. In diesem Zusammenhang fertigt er nach der Zerschlagung der Bremer Räterepublik eine Pietá zur Erinnerung an die gefallenen Arbeiter und Revolutionäre. Das “Revolutionsdenkmal” wurde am 19.06.1922 auf dem Waller Friedhof eingeweiht. Noch heute gedenken an der Stelle des von den Nazis zerstörten Denkmals jedes Jahr am 4. Februar viele Bremerinnen und Bremer der Opfer und der Niederschlagung der Räterepublik. Seine Sympathie für den Kampf der Arbeiter um ihre Rechte und deren Leben drückt Hoetger nochmals deutlich in seinem „Zyklus des Lebens unter dem Stigma der Arbeit“ aus. Die von ihm geschaffenen acht Skulpturen an der Backsteinfassade des 1928 erbauten Gewerkschaftshauses in Walle beschreiben eindringlich das von Mühsal und Fron behaftete Leben der Arbeiter und ihrer Familien in der Weimarer Republik. In dieser Zeit (1926) macht Hoetger die Bekanntschaft mit dem Bremer Kaufmann und Kunstmäzen Ludwig Roselius, der der Ideologie des Nazismus und dem völkisch-nordischen Gedanken nahesteht. Roselius glaubt an den „unersetzlichen Wert der nordisch-niederdeutschen Rasse“ und steht unter dem Einfluss des antisemitischen Kulturpessimismus eines Julius Langbehn und des niederländischen Rasseideologen Herman Wirth. Roselius gelingt es rasch, Bernhard Hoetger für seine Ideen zu entzünden. Fortan betrachtet dieser die künstlerische Neugestaltung der Bremer Böttcherstraße als seine Lebensaufgabe.

März 1933: Auf Beschluss des Bremer Senats (!) werden die Hoetger-Figuren aus dem „Zyklus des Lebens unter dem Stigma der Arbeit“ von der Fassade des Gewerkschaftshauses entfernt und „im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ eingeschmolzen.

Sommer 1933: Vandalisierende Nazi-Horden zerstören auf dem Waller Friedhof Hoetgers Denkmal zur Erinnerung an die gefallenen Arbeiter und Revolutionäre der Räterepublik.

Sept. 1933: Hitlers Reichskabinett verabschiedet das sogenannte Reichskammerkulturgesetz. Ab diesem Zeitpunkt besteht für jeden Kulturschaffenden Zwangsmitgliedschaft in der „Reichskulturkammer“. Wer im Sinne der Nazis „nichtvölkische Kunst“ schafft, wird kurzerhand ausgeschlossen, gilt als Verfemter, was einer Vernichtung der bürgerlichen Existenz gleichkommt.

1934: Hoetger wird Mitglied der NSDAP und zieht nach Berlin. Er versucht mit aller Macht, die Gunst der Nazis zu gewinnen und die Partei für seine von der völkisch-nordischen Ideenwelt beeinflusste expressionistische Kunst zu überzeugen.

April 1936: Nach einem Auftrag seines Mäzens Roselius fertigt Hoetger für den Nordeingang der Böttcherstraße das Bronzerelief „Der Lichtbringer“. Auf dem Fries wird ikonografisch der Kampf des Erzengels Michael mit dem Höllendrachen dargestellt. Hoetger widmet seine Arbeit Adolf Hitler und schreibt in einem Brief an den Nazi-Architekten Helfrich: „Gibt es wohl einen höheren Ausdruck der Verehrung unserer vom Führer geschaffenen Zeit, wie es sich in meinem neuen Relief ’Der Lichtbringer’ offenbart?“

Sept. 1936: Hitler erklärt in einer Rede auf dem Nürnberger Reichsparteitag Hoetgers Kunst für entartet: „Wir haben nichts zu tun mit jenen Elementen, die den Nationalsozialismus nur vom Hören und Sagen her kennen und ihn daher nur zu leicht verwechseln mit undefinierbaren nordischen Phrasen und die nun in irgendeinem sagenhaften atlantischen Kulturkreis ihre Motivforschungen beginnen. Der Nationalsozialismus lehnt diese Art von Böttcherstraßen-Kultur schärfstens ab.“

1938: Hoetger wird aus der NSDAP ausgeschlossen.

1943: Hoetger flieht vor dem Zugriff der Nazis in die Schweiz und stirbt zurückgezogen im Juli 1949 in Interlaken.

(ms)

Ruine und Warenfetisch

Veröffentlicht: 11. November 2012 in Windstriche

“Allegorien sind im Reiche der Gedanken, was Ruinen im Reiche der Dinge.” (Benjamin, UdT, 197) Sie sind Ansammlungen vergangener Tendenzen und Entwicklungen in der Gegenwart. Das Wesen der Ruine scheint in der Tat geradezu paradox: bringt sie doch jeder weitere Verfall ihrer eigentlichen Bestimmung, ihrem So-Sein als Ruine näher. Benjamin hat sich im Ruinenkapitel des Trauerspielbuchs den antagonistischen Kräften der Ruine zugewendet. Die Faszination der barocken Kunst an der Ruine, so seine Erkenntnis, hat ihre Ursachen mitnichten in einer nostalgischen Verklärung des Vergänglichen, wie sich vermuten ließe, sie begründet sich vielmehr im Wesen der Allegorie selbst, dem Vermögen, im Bruchstück das notwendige Komplement zum Ganzen zu sehen. Zerstückelung freilich ist ein wesentliches Merkmal der Moderne. Benjamin hat deshalb in seinen Arbeiten zur bürgerlichen Gesellschaft immer wieder an diese Fähigkeit der Allegorie anzuknüpfen versucht. Wie es zunächst mittels Allegorese den falschen Schein der Totalität zu zerstören gelte, so ist der nächste Schritt des Allegorikers die Entzifferung der Bruchstücke der alltäglichen Dingwelt um dem Wesen der Erscheinungen auf die Spur zu kommen.

Spätestens mit Beginn der Passagenarbeit zieht Benjamin in seine Überlegungen grundlegende Elemente der Marxschen Analyse der bürgerlichen Gesellschaft ein. Die Entwicklung der Warengesellschaft als notwendiges Medium der Selbstverwirklichung des Kapitalismus zielt auf Katastrophe. Die Warengesellschaft ruiniert zugleich die Ware und den Menschen als autonomes Subjekt. Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, erscheint Benjamin gleichsam als Kristallisationspunkt des ruinösen Kapitalismus, in dem der Keim der selbstzerstörerischen Kräfte bereits angelegt ist. Die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts veranstalteten Weltausstellungen, als Schauplätze des Reichtums und vielfältigen Angebots an Konsumtionsgütern, enthüllen auf frappierende Weise, dass die Mehrzahl der an ihrer industriellen Produktion beteiligten Menschen von dem Genuss dieser Güter für immer ausgeschlossen bleibt.

Machen die nützlichen Eigenschaften eines Dinges, indem sie menschliche Bedürfnisse befriedigen, dieses zum Gebrauchswert für den Menschen, so drückt sich m ihrem Tauschwert der soziale Grundwiderspruch in der warenproduzierenden Gesellschaft aus. “Die Entwertung der Dingwelt in der Allegorie wird innerhalb der Dingwelt durch die Ware überboten.” (I, 660) Denn “nichts entwertet die Dinge so sehr wie die Welt der Dinge selbst”, eine Welt, in der die Ware statt Gebrauchswert vor allem Tauschwert ist. Bereits in den frühen Entwürfen verweist Benjamin darauf, dass er seiner Arbeit über die Pariser Passagen, das Marxsche Konzept des Fetischcharakters der Ware zugrundelegt.

“Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt. daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein von außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. [ … ] Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.” (Marx, MEW 23, 86f)

Der Fetischcharakter der Ware entspringt mithin 1. den besonderen Eigenschaften der Arbeit, welche die Waren produziert und 2. aus dem Verlust des allgemeinen Bewusstseins, dass die Ware ein genuines Produkt gesellschaftlicher Organisation ist. In der warenproduzierenden Gesellschaft sind die sozialen Verhältnisse zu Verhältnissen zwischen Dingen geworden. Verdinglichung und Entfremdung sind somit wesentliche Momente des Warenfetischismus. Benjamin versucht, den Doppelcharakter im Wesen der Ware, nämlich zugleich Gebrauchswert und Tauschwert zu sein, für sein Projekt fruchtbar zu machen und in sein Allegoriekonzept einzubinden. So erscheinen ihm etwa die Pariser Passagen, ursprünglich typische Produkte des raschen Aufkommens des Textilhandels, als stofflich geronnene, naturwüchsige “Kultstätten des Handels”, als heimliche “Tempel der Ware”, als wuchernde “Urlandschaft der Konsumption”. Bereits hinter diesen Bildern verbirgt sich die spätere (materialistische) Erkenntnis, dass es sich bei den Passagen schlechthin um materiale Symbole für die ökonomische Basis der kapitalistischen Moderne handelt, um Orte des Warenfetisch, in denen sich die Geschichte der warenproduzierenden Gesellschaft gleichsam erschöpft. Oder in der geschichtsphilosophischen Diktion Benjamins formuliert: wie die Beziehungen der Menschen zu Warenbeziehungen, so ist auch die Ware selbst zur Allegorie geworden.

Das Zentralproblem der klassischen idealistischen Philosophie in der bürgerlichen Gesellschaft begründet sich in deren Widersprüchlichkeit: Einzelnes und Ganzes, Individuum und Gattung, Subjekt und Objekt, Freiheit und Notwendigkeit, Kultur und Natur treten auseinander.

Das jähe Auseinanderfallen von Erlebniswelt und wissenschaftlich-technisch objektivierter Natur führte in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zu einer Krisis der Wissenschaften, die weder die existentiellen Fragen des Menschen zu beantworten, noch ihm eine positive Wertorientierung zu geben wussten. Waren sie einst mit der hehren Versprechung angetreten, ewige Wahrheiten zu enthüllen, so erweist sich die cartesianische Hoffnung in der Moderne als Illusion, erschöpft sich doch der Erkenntniszuwachs der Wissenschaften in immer dürftigeren und kurzfristigeren Aussagen. Die Wissenschaften haben, um ein Wort Max Webers aufzunehmen, nicht nur die empirische Welt “entzaubert” und trivialisiert, sondern schließlich auch sich selbst.

Diese Erfahrung des Scheiterns der aufklärerischen Vernunft in der Geschichte ist ein gemeinsames Moment der Entwürfe von Baudelaire, Marx und Nietzsche, die sich auf jeweils höchst unterschiedliche Weise um eine kritische Untersuchung dessen bemühten, was in der modernen Gesellschaft “neu” ist und wie sich die veränderten Bedingungen in ihr kulturell niederschlagen. Ihrem Denken ist Benjamin in hohem Maße verpflichtet.

Freilich erst mit der Etablierung der Soziologie als einer unabhängigen Disziplin am Ausgang des 19. Jahrhunderts werden die Erfahrungsweisen des Menschen in der Moderne wissenschaftlich ernstgenommen und zu einem relevanten Untersuchungsgegenstand. Für Benjamin – dies gilt in ähnlicher Weise für Kracauer – sind in diesem Kontext Max Weber, vor allem jedoch Georg Simmel von Bedeutung.
Webers Ausgangspunkt zur Analyse der Modernisierungsprozesse ist die Begründung der Soziologie als eine systematische Wirklichkeits- bzw. Kulturwissenschaft.

“Die Sozialwissenschaft, die wir treiben wollen, ist eine Wirklichkeitswissenschaft. Wir wollen die uns umgebende Wirklichkeit des Lebens, in welches wir hineingestellt sind, in ihrer Eigenheit verstehen – den Zusammenhang und die Kulturbedeutung ihrer einzelnen Erscheinungen in ihrer heutigen Gestaltung einerseits, die Gründe ihres geschichtlichen So-und-nicht-anders-Gewordenseins andererseits. (Weber, 1973,212)

Für Weber, der dem zweckrationalen Handeln methodisch eine bevorzugte Stellung einräumt, geht es also nicht darum, nach dem Vorbild der nomologisch verfahrenden Naturwissenschaften, empirisches Wissen anzuhäufen. Ihn interessieren vielmehr die Erscheinungen der Wirklichkeit allein unter werthaften Aspekten sowie in ihrer historischen Bedingtheit. Theorien, welche nach Gesetzmäßigkeiten suchen, sind nicht das Ziel, sondern das Erkenntnismittel der Soziologie, sie gestatten die Ableitung von Gesetzeshypothesen über empirische Regelmäßigkeiten und dienen der Erklärung. Es gelte daher, die heterogenen Verfahrensweisen, Ziele und Voraussetzungen von Natur- und Kulturwissenschaften zum Ausgleich zu bringen. “Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinen Wirkungen ursächlich erklären will.” Mit anderen Worten hat die Soziologie die sozialen Tatsachen in ihrer Kulturbedingtheit zu verstehen und zugleich in dieser zu erklären. Um die “unendliche Mannigfaltigkeit” der Wirklichkeit unter der Prämisse der Dualität von Erklären und Verstehen zu fassen, bedurfte es freilich einer entsprechenden wissenschaftlichen Vorgehensweise, die Weber in der “idealtypischen Methode” gefunden zu haben glaubte. Der aus der idealtypischen Methode gewonnene Idealtypus basiert auf historischen Erfahrungen und Realitäten, er ist jedoch keineswegs als bloße Wiedergabe oder Abbildung geschichtlicher Wirklichkeiten zu verstehen.
“Er wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht vorhandener Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem einheitlichen Gedankenbilde. In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar, es ist eine Utopie … ” (Weber, 1973,235)

Webers Idealtypen sind also “Gedankenbilder”, künstliche Konstruktionen aus der Steigerung und Synthese bestimmter Elemente der Realität – er prägt in diesem Kontext die Kategorie der “objektiven Möglichkeit” – denen ein spezifisches Erkenntnisinteresse vorgeschaltet ist, welches sich um das Verstehen und Erklären der sozialen Phänomene und das Verhalten und Handeln der Individuen in der modernen Gesellschaft bemüht.

Es ist hier nicht der Ort, um angemessen auf die diffizilen Antinomien in Webers komplexer wissenschaftstheoretischer Konzeption einzugehen – genannt sei nur das problematische Verhältnis der Kategorialbestimmungen Erklären und Verstehen -, denn offensichtlich beschränken sich diese Antinomien nicht allein auf die Verfahrensweisen und Ziele der Sozialwissenschaften, sondern haben gerade auch Konsequenzen für deren epistemologischen Voraussetzungen. Gleichwohl hat Benjamin in seinen dialektischen Bilder wesentliche Elemente der Webersehen Methode einer Soziologie der bürgerlichen Gesellschaft – sozusagen den soziologischen Blick Webers – für seine eigenen Untersuchungen fruchtbar gemacht. Dies freilich gilt in noch weit höherem Maße für die Fragmente einer Theorie der Moderne, wie sie Georg Simmel entworfen hat.

Der Kulturphilosoph Georg Simmel (1858-1918) war wohl der erste Soziologe der Moderne in der ursprünglichen Intention Baudelaires. In seinem zu Beginn des 20.Jahrhunderts veröffentlichten Hauptwerk, der Philosophie des Geldes, hat Simmel den Versuch unternommen eine Art Fundament für eine dialektische Theorie der Moderne zu legen, die sich an den vielfältigen Erscheinungen der kapitalistischen Realität orientiert. Systematisch ausgeführt hat er diese freilich nicht. Seine programmatische Erklärung, dem historischen Materialismus “ein Stockwerk” unterzubauen, blieb jedenfalls uneingelöst. Andererseits verweisen bereits die Schlüsselkategorien “Wechselwirkung” und “Vergesellschaftung” auf sein außerordentliches Interesse an den Phänomenen der sozialen Wirklichkeit. Die Gesellschaft erscheint bei ihm als ein sich ständig wechselndes Gebilde, über welches sich das Gewebe der sozialen Beziehungen spannt. “Es ist ein Grundbestreben Simmels, jedes geistige Phänomen seines fälschlichen Für-sich-seins zu entheben und zu zeigen, wie es eingebettet ist in die großen Zusammenhänge des Lebens”, schreibt 1920 Kracauer in einer Studie über Georg Simmel (siehe Kracauer, 1927, 209ff) , dem “Impressionisten der Soziologie”, als den ihn Georg Lukacs bezeichnete. Die Befreiung der Dinge aus ihrer Vereinzelung, das Aufzeigen der Wesenszusammengehörigkeit der verschiedensten Phänomene in einer immer komplexer und scheinbar zerrissener werdenden Moderne ist die eigentliche Entdeckung Simmels und bildet das originäre Kernprinzip seiner Kulturtheorie.

“Simmel weist etwa nach, wie eine ausgeprägte Geldwirtschaft auch das außerökonomische Verhalten der Individuen, den ganzen Lebensstil der Epoche bestimmt, und erkundet derart den durch den Eintritt irgendeines einzelnen sozialen Ereignisses hervorgerufenen Zustand der sozialen Gesamtmannigfaltigkeit. Oder er befreit in Abhandlungen wie der über die Geselligkeit, über die Koketterie usw. eine Reihe von Phänomenen aus ihrer Isolierung, indem er den ihnen allen gemeinsamen Sinn bzw. Entstehungsgrund bloßlegt, aus dem sich das Eigensein eines jeden von ihnen erklären lässt. So wird Geschiedenes miteinander verbunden, Zerstreutes vereinigt und zu großen Büscheln zusammengefasst und der Schleier zerteilt, der für gewöhnlich, dem Nebelmeer im Hochgebirge gleich, die Dingverkettungen so dicht umflort, dass nur noch die Gipfel vereinzelter, für sich seiender Dinge über ihn herausragen.” (Kracauer, 1927, 219)

Simmels Versuch einer »Phänomenologie» der Moderne fand auch Benjamins Interesse, sah er doch hier einen der wenigen Theoretiker der jungen soziologischen Disziplin, der sich nicht nur mit den komplexen sozioökonomischen Veränderungen beschäftigte, die sich mit dem Aufkommen der historischen Formation des Kapitalismus verknüpften, sondern explizit auch mit den damit verbundenen neuen Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen der menschlichen Existenz.

Im Zentrum seiner analytischen Bemühungen um ein fundiertes Verständnis der bürgerlichen Warengesellschaft steht bei Simmel der »moderne«, sich selbst entfremdete Mensch in den Großstädten, die ihm als signifikante Schauplätze der rasanten Umwälzungen des Kapitalismus und seiner Warenzirkulation erscheinen.
“Die Städte sind zunächst die Sitze der höchsten wirtschaftlichen Arbeitsteilung; sie erzeugen darin so extreme Erscheinungen, wie in Paris den einträglichen Beruf des Quatorzieme. Personen, durch Schilder an ihren Wohnungen kenntlich, die sich zur Dinerstunde in angemessenen Kostümen bereithalten, um schnell herangeholt zu werden, wo sich in einer Gesellschaft 13 am Tisch befinden.” (Simmel, 1984,201)

Dieser aphoristische Splitter aus dem erstmals 1903 erschienenen Essay Die Großstädte und das Geistesleben macht auf brillante Weise den Aspekt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und die sich daraus ableitenden Entfremdungsprozesse innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft deutlich. Zunehmende Arbeitsteilung und Fragmentarisierung der Lebensbereiche, Komplexität und Beschleunigung des Lebenstempos in den Großstädten, nicht zuletzt vor allem auch die Verdinglichung der sozialen Beziehungen – all diese Folgeerscheinungen des Kapitalismus stehen dem Individuum und dessen Anspruch nach Selbständigkeit und Authentizität seines Daseins in krasser Weise entgegen. Aus dieser spezifischen Konstellation der fortgeschrittenen warenproduzierenden Gesellschaft resultieren Simmels Diagnose zufolge die tiefgreifenden Probleme der Moderne und das Leiden der Subjekte an ihr.

Zur Entzifferung der Phänomene korrelierte Simmel die »psychische Verfasstheit« (das “Geistesleben”) des modernen Menschen mit den unaufhörlich auf ihn einflutenden Impressionen in den Großstädten und beobachtete dabei eine ruinöse “Steigerung des individuellen Nervenlebens”. Der stete Wechsel von äußeren und inneren Eindrücken führe zudem zu einer fatalen Beschleunigung des Lebenstempos. Denn in der Komprimierung rasch wechselnder Bilder “verbrauche” sich das Bewusstsein der Individuen und der Einzelne verliere mehr und mehr die Fähigkeit die auf ihn eindrängenden Impressionen zu durchdringen und ihren Wahrheitsgehalt zu erfassen.

“Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft – mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens -, stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewußtseinsquantum … einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes.” (Simmel, 1984, 193)

In den Lebensordnungen von Ökonomie, Staat und Familie sieht Simmel- wie übrigens auch Max Weber – eine ähnliche Dynamik und Eigengesetzlichkeit entfaltet wie m den kulturellen Wertsphären Wissenschaft, Kunst und Moral, wobei der Markt in der warenproduzierenden Gesellschaft offensichtlich die Rolle eines Komplexität erzeugenden Mechanismus spielt. Über das Medium des Geldes treibt er die gesellschaftliche Arbeitsteilung voran und somit den Komplexitätsgrad der Kultur insgesamt.

Im Gegensatz zum Bourgeois und Flaneur Baudelaire vermag Simmel wesentliche Triebkräfte des Kapitalismus und der aus diesem resultierenden Produktionsverhältnisse zu erkennen. Geldwirtschaft und Verstandesherrschaft – Simmel zufolge typisches Merkmal kapitalistischer Urbanisierung und Rationalisierung, gleichzeitig aber auch notwendiges “Präservativ des subjektiven Lebens gegen die Vergewaltigung der Großstadt” – stehen für ihn in “tiefstem Zusammenhang”.

“Ihnen ist gemeinsam die reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen, in der sich eine formale Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser Härte paart … Denn das Geld fragt nur nach dem, was ihnen allen gemeinsam ist, nach dem Tauschwert, der alle Qualität und Eigenart auf die Frage nach dem bloßen Wieviel nivelliert.” (Simmel, 1984, 193f)

Simmels Schüler Georg Lukacs hat in seinen Studien zu Geschichte und Klassenbewußtsein (1923) diese Erkenntnis einer Versachlichung der menschlichen Beziehungen aufgenommen, sie mit der Marxschen Analyse des Fetischcharakters der Ware verknüpft und schließlich zu seiner Theorie der “Verdinglichung” fortentwickelt. Wie das Geld – in der warenproduzierenden Gesellschaft Träger gesellschaftlicher Synthesis – zum herrschenden Vermittlungsorgan und alleinigen Äquivalententräger wird, indem es vom jeweiligen Gebrauchswert der Waren abstrahiert, so unterwirft es Menschen und Dinge gleichermaßen seiner immanenten »Rationalität«, in der alle anderen möglichen Beziehungen zwischen diesen vernichtet sind.

So ist die Entfremdung des Menschen in der Moderne vor allem auch eine Folge der Verdinglichung, der realen Abstraktionsprozesse der entfalteten Geldwirtschaft an der traditionalen Gesellschaft, die daran zerfällt. Dies hat Simmel im Wesentlichen erkannt und er wurde mit seiner essayistischen Prosa der seiner Meinung nach adäquatesten Darstellungsform in der »schnelllebigen« Moderne, weil im Essay Lebenstempo und Prosarhythmus auf seltsame Weise in Einklang gebracht sind – zu einer entscheidenden Inspirationsquelle für Autoren wie Lukacs, Bloch, Kracauer, Adorno, um nur die wichtigsten zu nennen – und zweifelsohne auch Benjamin.