Anfang und Ende

Am 31. Januar 2010 verstarb die Bremer Soziologin Michaela von Freyhold. Ein Nachruf.

Vor einigen Tagen ist der kleine A. geboren worden. Über die Geburt ihres Enkels freuen sich Großeltern in einer norddeutschen und in einer kurdisch-türkischen Stadt, denn A. ist das Kind einer jungen Deutschen und ihres kurdischen Freundes, der jetzt seit fast neun Jahren als Flüchtling in Bremen lebt. Wie immer, wenn ein Kind geboren wird, beginnt die Welt noch einmal von neuem, und mit der Welt die Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Als A´s Mutter in einem Krankenhaus im Bremer Westen auf die Geburt ihres ersten Kindes wartete, starb in einem anderen Bremer Krankenhaus die emeritierte Hochschullehrerin Michaela v. Freyhold im Alter von 69 Jahren. Michaela war eine kluge und gütige Frau, deren viel zu früher Tod allen nahegeht, die sie gekannt haben. Und wie immer, wenn ein Mensch stirbt, geht mit diesem Tod die Welt zu Ende.

Ich erinnere mich noch gut an das Gespräch in der schäbigen Cafeteria der Bremer Universität, in dem Michaela mir von ihrem Engagement für westafrikanische Flüchtlinge erzählte. Das war etwa anderthalb Jahre, nachdem die Grundgesetzänderung in Kraft getreten war, die es Flüchtlingen faktisch unmöglich machte, in Deutschland Zuflucht zu finden. Alleinstehende männliche Flüchtlinge waren damals auf einem Containerschiff im Bremer Industriehafen untergebracht, dem “Hotelschiff Embrica Marcel”. Die deutsche Politik erhoffte sich von der Kasernierung, dass “die Buschtrommeln in Afrika signalisieren: kommt nicht nach Deutschland, dort müsst ihr ins Lager“, wie Lothar Späth es formulierte.

Michaela fand dies unerträglich. Gemeinsam mit einigen anderen Bremerinnen und Bremern gründete sie die „Bremer Flüchtlingsinitiative“, die sich zum Ziel setzte, die Rechte dieser schutzlosen und von Medien und Politikern verleumdeten Menschen zu verteidigen. Das Vereinsbüro in der Schildstraße wurde zum Anlaufpunkt für Asylsuchende aus aller Welt. Wenn ich heute im Bremer Westen spazierengehe, treffe ich fast täglich auf Menschen, die sich dankbar an „Mikaela“ erinnern, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, als sie sich von Gott und der Welt verlassen glaubten.

Die Welt ist kälter geworden ohne sie.

„Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.”
(AT, Buch Daniel 12,3 in Luthers Übersetzung)

(Udo Casper)

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Michaela von Freyhold, geboren  am 20. August 1940, studierte von 1959 bis 1965 Soziologie in Frankfurt und Wien. Ihre Diplomarbeit „Theoretische Voraussetzungen des empirischen Studiums sozialer Vorurteile“ wurde 1964 angenommen. Von 1965 bis 1968 arbeitete sie am Frankfurter Institut für Sozialforschung, danach bis 1970 als Dozentin für Soziologie an der Universität Dar es Salaam, Tansania. Ihre Doktorarbeit „Autoritarismus  und politische Apathie“ ist 1971 in den von Adorno und Friedeburg herausgegebenen Beiträgen zur Soziologie veröffentlicht worden. Von 1979 bis zu ihrer Emeritierung war sie Professorin für Soziologie an der Universität Bremen mit dem Schwerpunkt Entwicklungssoziologie.
Dass Michaela, die Expertin für Autoritarismus, sich auch persönlich nicht von „Autoritäten“ einschüchtern ließ, belegt dieses Zitat Adornos über seine „Schülerin“: „Ob ich sie weiter behalten kann, ist noch unsicher, zumal ich mich zuletzt über ihre Frechheit, die in direkter Proportion zu ihrer leisen Stimme steht, sehr geärgert habe… Andererseits ist und bleibt sie hochbegabt.“ Adorno in einem Brief an Lotte Tobisch

Nun ist ihre Stimme für immer verstummt. In allen, die sie kannten und schätzten, wird sie dennoch fortleben.

(Manfred Steglich)

Die Trauerfeier findet am Samstag, den 13. Februar, um 11.30 im Bestattungsinstitut  Bohlken und Engelhardt, Friedhofstraße 16 in Bremen-Riensberg statt.

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