Zum Tod des Stadtsoziologen Hartmut Häußermann

Der Kampf gegen die soziale Spaltung war sein Thema.

„Selten kommt es vor, dass eine wissenschaftliche Disziplin so stark von einer einzigen Persönlichkeit geprägt wird, wie es in der deutschen Stadtsoziologie der letzten Jahrzehnte durch Hartmut Häußermann geschah“, heißt es in einem Zeitungsnachruf. Und in der Tat galt der 1943 im beschaulichen Waiblingen geborene Wissenschaftler – der das Idiom seiner schwäbischen Heimat bis zu seinem viel zu frühen Tod niemals ganz abgelegt hat – als der wohl bedeutendste Vertreter seiner Disziplin, der mit seinen theoretischen Arbeiten und mitreißenden Vorlesungen Generationen von Stadtsoziologen prägte. „Sein Tod ist ein großer Verlust für die Wissenschaft – und für Berlin“, sagt deshalb auch Talja Blokland, die nach Häußermanns Emeritierung vor drei Jahren den Lehrstuhl am Berliner Institut für Soziologie übernommen hat.

Mit seinem unermüdlichen Engagement hat Hartmut Häußermann die stadtpolitischen Diskussionen über Jahrzehnte wie kein anderer mitgestaltet und dabei deutlich gemacht, dass Stadtentwicklung niemals von sozialen Fragen losgelöst betrachtet werden kann. „Über die Bildungsprobleme von Risikogruppen in problematischen Stadtvierteln konnte er so deutlich reden wie über die Gentrifizierung der Stadt, und zwar beobachtend, aber auch in der Rolle des sozialwissenschaftlich informierten Intellektuellen, der seine Verantwortung in der Öffentlichkeit wahrnimmt. Ich werde ihn sehr vermissen“, sagt Häußermanns langjähriger Dekanskollege Heinz-Elmar Tenorth. Als Berliner AStA-Vorsitzender gehörte Häußermann zu den führenden politischen Köpfen der 68-Generation und ist dabei seinen Idealen bis zuletzt treu geblieben. Unermüdlich bekämpfte er mit seinen Mitteln die Auswirkungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ausgrenzung der Prekarisierten und die soziale Spaltung der Stadt.

In seinen umfangreichen Forschungsarbeiten, Büchern und Artikeln hat Hartmut Häußermann mit soziologischer Weitsicht die Stadtentwicklung verfolgt und das Verständnis von Integration, Segregation, städtischen Schrumpfungsprozessen und Gentrifizierung geschärft. 1998 war er im Auftrag des Berliner Senats maßgeblich an einer Untersuchung über die sozialräumliche Entwicklung der Stadt Berlin beteiligt, in der die Einführung eines „Quartiersmanagements“ vorgeschlagen wurde. Der Berliner Senat folgte dieser Empfehlung als Antwort auf die wachsende soziale Polarisierung des städtischen Raums, die die Gefahr der Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen beinhaltet. Er selbst hat während der Jahre seiner Professur an der Humboldt-Universität am Prenzlauer Berg gelebt, und blieb auch dann, als das Quartier rund um den Berliner Kollwitzplatz längst zum Synonym für eine maßlose Gentrifizierung geworden war.

Am 31. Oktober ist Hartmut Häußermann nach schwerer Krankheit gestorben. Ich schließe mich Andrej Holms Worten an: Hartmut Häußermann wird uns fehlen – in den wissenschaftlichen Diskussionen, in den stadtpolitischen Debatten und als Mensch.

Manfred Steglich

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Hartmut Häußermann studierte von 1964 bis 1970 an der FU Berlin, 1975 folgte die Promotion bei Urs Jaeggi. Er arbeitete zunächst als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin, hatte ab 1978 15 Jahre lang den Lehrstuhl für Stadt- und Regionalsoziologie an der Universität Bremen inne, bis er 1993 schließlich an die Humboldt-Universität zu Berlin berufen wurde, wo er bis zu seiner Emeritierung 2008 Regionalsoziologie lehrte.

Quelle: http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/zurueck/presse/artikel/der-kampf-gegen-die-soziale-spaltung-war-sein-thema-zum-tod-des-stadtsoziologen-hartmut-haeusserma/

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