Soziologie der Moderne: Max Weber – Georg Simmel

Das Zentralproblem der klassischen idealistischen Philosophie in der bürgerlichen Gesellschaft begründet sich in deren Widersprüchlichkeit: Einzelnes und Ganzes, Individuum und Gattung, Subjekt und Objekt, Freiheit und Notwendigkeit, Kultur und Natur treten auseinander.

Das jähe Auseinanderfallen von Erlebniswelt und wissenschaftlich-technisch objektivierter Natur führte in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zu einer Krisis der Wissenschaften, die weder die existentiellen Fragen des Menschen zu beantworten, noch ihm eine positive Wertorientierung zu geben wussten. Waren sie einst mit der hehren Versprechung angetreten, ewige Wahrheiten zu enthüllen, so erweist sich die cartesianische Hoffnung in der Moderne als Illusion, erschöpft sich doch der Erkenntniszuwachs der Wissenschaften in immer dürftigeren und kurzfristigeren Aussagen. Die Wissenschaften haben, um ein Wort Max Webers aufzunehmen, nicht nur die empirische Welt „entzaubert“ und trivialisiert, sondern schließlich auch sich selbst.

Diese Erfahrung des Scheiterns der aufklärerischen Vernunft in der Geschichte ist ein gemeinsames Moment der Entwürfe von Baudelaire, Marx und Nietzsche, die sich auf jeweils höchst unterschiedliche Weise um eine kritische Untersuchung dessen bemühten, was in der modernen Gesellschaft „neu“ ist und wie sich die veränderten Bedingungen in ihr kulturell niederschlagen. Ihrem Denken ist Benjamin in hohem Maße verpflichtet.

Freilich erst mit der Etablierung der Soziologie als einer unabhängigen Disziplin am Ausgang des 19. Jahrhunderts werden die Erfahrungsweisen des Menschen in der Moderne wissenschaftlich ernstgenommen und zu einem relevanten Untersuchungsgegenstand. Für Benjamin – dies gilt in ähnlicher Weise für Kracauer – sind in diesem Kontext Max Weber, vor allem jedoch Georg Simmel von Bedeutung.
Webers Ausgangspunkt zur Analyse der Modernisierungsprozesse ist die Begründung der Soziologie als eine systematische Wirklichkeits- bzw. Kulturwissenschaft.

„Die Sozialwissenschaft, die wir treiben wollen, ist eine Wirklichkeitswissenschaft. Wir wollen die uns umgebende Wirklichkeit des Lebens, in welches wir hineingestellt sind, in ihrer Eigenheit verstehen – den Zusammenhang und die Kulturbedeutung ihrer einzelnen Erscheinungen in ihrer heutigen Gestaltung einerseits, die Gründe ihres geschichtlichen So-und-nicht-anders-Gewordenseins andererseits. (Weber, 1973,212)

Für Weber, der dem zweckrationalen Handeln methodisch eine bevorzugte Stellung einräumt, geht es also nicht darum, nach dem Vorbild der nomologisch verfahrenden Naturwissenschaften, empirisches Wissen anzuhäufen. Ihn interessieren vielmehr die Erscheinungen der Wirklichkeit allein unter werthaften Aspekten sowie in ihrer historischen Bedingtheit. Theorien, welche nach Gesetzmäßigkeiten suchen, sind nicht das Ziel, sondern das Erkenntnismittel der Soziologie, sie gestatten die Ableitung von Gesetzeshypothesen über empirische Regelmäßigkeiten und dienen der Erklärung. Es gelte daher, die heterogenen Verfahrensweisen, Ziele und Voraussetzungen von Natur- und Kulturwissenschaften zum Ausgleich zu bringen. „Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinen Wirkungen ursächlich erklären will.“ Mit anderen Worten hat die Soziologie die sozialen Tatsachen in ihrer Kulturbedingtheit zu verstehen und zugleich in dieser zu erklären. Um die „unendliche Mannigfaltigkeit“ der Wirklichkeit unter der Prämisse der Dualität von Erklären und Verstehen zu fassen, bedurfte es freilich einer entsprechenden wissenschaftlichen Vorgehensweise, die Weber in der „idealtypischen Methode“ gefunden zu haben glaubte. Der aus der idealtypischen Methode gewonnene Idealtypus basiert auf historischen Erfahrungen und Realitäten, er ist jedoch keineswegs als bloße Wiedergabe oder Abbildung geschichtlicher Wirklichkeiten zu verstehen.
„Er wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht vorhandener Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem einheitlichen Gedankenbilde. In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar, es ist eine Utopie … “ (Weber, 1973,235)

Webers Idealtypen sind also „Gedankenbilder“, künstliche Konstruktionen aus der Steigerung und Synthese bestimmter Elemente der Realität – er prägt in diesem Kontext die Kategorie der „objektiven Möglichkeit“ – denen ein spezifisches Erkenntnisinteresse vorgeschaltet ist, welches sich um das Verstehen und Erklären der sozialen Phänomene und das Verhalten und Handeln der Individuen in der modernen Gesellschaft bemüht.

Es ist hier nicht der Ort, um angemessen auf die diffizilen Antinomien in Webers komplexer wissenschaftstheoretischer Konzeption einzugehen – genannt sei nur das problematische Verhältnis der Kategorialbestimmungen Erklären und Verstehen -, denn offensichtlich beschränken sich diese Antinomien nicht allein auf die Verfahrensweisen und Ziele der Sozialwissenschaften, sondern haben gerade auch Konsequenzen für deren epistemologischen Voraussetzungen. Gleichwohl hat Benjamin in seinen dialektischen Bilder wesentliche Elemente der Webersehen Methode einer Soziologie der bürgerlichen Gesellschaft – sozusagen den soziologischen Blick Webers – für seine eigenen Untersuchungen fruchtbar gemacht. Dies freilich gilt in noch weit höherem Maße für die Fragmente einer Theorie der Moderne, wie sie Georg Simmel entworfen hat.

Der Kulturphilosoph Georg Simmel (1858-1918) war wohl der erste Soziologe der Moderne in der ursprünglichen Intention Baudelaires. In seinem zu Beginn des 20.Jahrhunderts veröffentlichten Hauptwerk, der Philosophie des Geldes, hat Simmel den Versuch unternommen eine Art Fundament für eine dialektische Theorie der Moderne zu legen, die sich an den vielfältigen Erscheinungen der kapitalistischen Realität orientiert. Systematisch ausgeführt hat er diese freilich nicht. Seine programmatische Erklärung, dem historischen Materialismus „ein Stockwerk“ unterzubauen, blieb jedenfalls uneingelöst. Andererseits verweisen bereits die Schlüsselkategorien „Wechselwirkung“ und „Vergesellschaftung“ auf sein außerordentliches Interesse an den Phänomenen der sozialen Wirklichkeit. Die Gesellschaft erscheint bei ihm als ein sich ständig wechselndes Gebilde, über welches sich das Gewebe der sozialen Beziehungen spannt. „Es ist ein Grundbestreben Simmels, jedes geistige Phänomen seines fälschlichen Für-sich-seins zu entheben und zu zeigen, wie es eingebettet ist in die großen Zusammenhänge des Lebens“, schreibt 1920 Kracauer in einer Studie über Georg Simmel (siehe Kracauer, 1927, 209ff) , dem „Impressionisten der Soziologie“, als den ihn Georg Lukacs bezeichnete. Die Befreiung der Dinge aus ihrer Vereinzelung, das Aufzeigen der Wesenszusammengehörigkeit der verschiedensten Phänomene in einer immer komplexer und scheinbar zerrissener werdenden Moderne ist die eigentliche Entdeckung Simmels und bildet das originäre Kernprinzip seiner Kulturtheorie.

„Simmel weist etwa nach, wie eine ausgeprägte Geldwirtschaft auch das außerökonomische Verhalten der Individuen, den ganzen Lebensstil der Epoche bestimmt, und erkundet derart den durch den Eintritt irgendeines einzelnen sozialen Ereignisses hervorgerufenen Zustand der sozialen Gesamtmannigfaltigkeit. Oder er befreit in Abhandlungen wie der über die Geselligkeit, über die Koketterie usw. eine Reihe von Phänomenen aus ihrer Isolierung, indem er den ihnen allen gemeinsamen Sinn bzw. Entstehungsgrund bloßlegt, aus dem sich das Eigensein eines jeden von ihnen erklären lässt. So wird Geschiedenes miteinander verbunden, Zerstreutes vereinigt und zu großen Büscheln zusammengefasst und der Schleier zerteilt, der für gewöhnlich, dem Nebelmeer im Hochgebirge gleich, die Dingverkettungen so dicht umflort, dass nur noch die Gipfel vereinzelter, für sich seiender Dinge über ihn herausragen.“ (Kracauer, 1927, 219)

Simmels Versuch einer »Phänomenologie» der Moderne fand auch Benjamins Interesse, sah er doch hier einen der wenigen Theoretiker der jungen soziologischen Disziplin, der sich nicht nur mit den komplexen sozioökonomischen Veränderungen beschäftigte, die sich mit dem Aufkommen der historischen Formation des Kapitalismus verknüpften, sondern explizit auch mit den damit verbundenen neuen Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen der menschlichen Existenz.

Im Zentrum seiner analytischen Bemühungen um ein fundiertes Verständnis der bürgerlichen Warengesellschaft steht bei Simmel der »moderne«, sich selbst entfremdete Mensch in den Großstädten, die ihm als signifikante Schauplätze der rasanten Umwälzungen des Kapitalismus und seiner Warenzirkulation erscheinen.
„Die Städte sind zunächst die Sitze der höchsten wirtschaftlichen Arbeitsteilung; sie erzeugen darin so extreme Erscheinungen, wie in Paris den einträglichen Beruf des Quatorzieme. Personen, durch Schilder an ihren Wohnungen kenntlich, die sich zur Dinerstunde in angemessenen Kostümen bereithalten, um schnell herangeholt zu werden, wo sich in einer Gesellschaft 13 am Tisch befinden.“ (Simmel, 1984,201)

Dieser aphoristische Splitter aus dem erstmals 1903 erschienenen Essay Die Großstädte und das Geistesleben macht auf brillante Weise den Aspekt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und die sich daraus ableitenden Entfremdungsprozesse innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft deutlich. Zunehmende Arbeitsteilung und Fragmentarisierung der Lebensbereiche, Komplexität und Beschleunigung des Lebenstempos in den Großstädten, nicht zuletzt vor allem auch die Verdinglichung der sozialen Beziehungen – all diese Folgeerscheinungen des Kapitalismus stehen dem Individuum und dessen Anspruch nach Selbständigkeit und Authentizität seines Daseins in krasser Weise entgegen. Aus dieser spezifischen Konstellation der fortgeschrittenen warenproduzierenden Gesellschaft resultieren Simmels Diagnose zufolge die tiefgreifenden Probleme der Moderne und das Leiden der Subjekte an ihr.

Zur Entzifferung der Phänomene korrelierte Simmel die »psychische Verfasstheit« (das „Geistesleben“) des modernen Menschen mit den unaufhörlich auf ihn einflutenden Impressionen in den Großstädten und beobachtete dabei eine ruinöse „Steigerung des individuellen Nervenlebens“. Der stete Wechsel von äußeren und inneren Eindrücken führe zudem zu einer fatalen Beschleunigung des Lebenstempos. Denn in der Komprimierung rasch wechselnder Bilder „verbrauche“ sich das Bewusstsein der Individuen und der Einzelne verliere mehr und mehr die Fähigkeit die auf ihn eindrängenden Impressionen zu durchdringen und ihren Wahrheitsgehalt zu erfassen.

„Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft – mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens -, stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewußtseinsquantum … einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes.“ (Simmel, 1984, 193)

In den Lebensordnungen von Ökonomie, Staat und Familie sieht Simmel- wie übrigens auch Max Weber – eine ähnliche Dynamik und Eigengesetzlichkeit entfaltet wie m den kulturellen Wertsphären Wissenschaft, Kunst und Moral, wobei der Markt in der warenproduzierenden Gesellschaft offensichtlich die Rolle eines Komplexität erzeugenden Mechanismus spielt. Über das Medium des Geldes treibt er die gesellschaftliche Arbeitsteilung voran und somit den Komplexitätsgrad der Kultur insgesamt.

Im Gegensatz zum Bourgeois und Flaneur Baudelaire vermag Simmel wesentliche Triebkräfte des Kapitalismus und der aus diesem resultierenden Produktionsverhältnisse zu erkennen. Geldwirtschaft und Verstandesherrschaft – Simmel zufolge typisches Merkmal kapitalistischer Urbanisierung und Rationalisierung, gleichzeitig aber auch notwendiges „Präservativ des subjektiven Lebens gegen die Vergewaltigung der Großstadt“ – stehen für ihn in „tiefstem Zusammenhang“.

„Ihnen ist gemeinsam die reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen, in der sich eine formale Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser Härte paart … Denn das Geld fragt nur nach dem, was ihnen allen gemeinsam ist, nach dem Tauschwert, der alle Qualität und Eigenart auf die Frage nach dem bloßen Wieviel nivelliert.“ (Simmel, 1984, 193f)

Simmels Schüler Georg Lukacs hat in seinen Studien zu Geschichte und Klassenbewußtsein (1923) diese Erkenntnis einer Versachlichung der menschlichen Beziehungen aufgenommen, sie mit der Marxschen Analyse des Fetischcharakters der Ware verknüpft und schließlich zu seiner Theorie der „Verdinglichung“ fortentwickelt. Wie das Geld – in der warenproduzierenden Gesellschaft Träger gesellschaftlicher Synthesis – zum herrschenden Vermittlungsorgan und alleinigen Äquivalententräger wird, indem es vom jeweiligen Gebrauchswert der Waren abstrahiert, so unterwirft es Menschen und Dinge gleichermaßen seiner immanenten »Rationalität«, in der alle anderen möglichen Beziehungen zwischen diesen vernichtet sind.

So ist die Entfremdung des Menschen in der Moderne vor allem auch eine Folge der Verdinglichung, der realen Abstraktionsprozesse der entfalteten Geldwirtschaft an der traditionalen Gesellschaft, die daran zerfällt. Dies hat Simmel im Wesentlichen erkannt und er wurde mit seiner essayistischen Prosa der seiner Meinung nach adäquatesten Darstellungsform in der »schnelllebigen« Moderne, weil im Essay Lebenstempo und Prosarhythmus auf seltsame Weise in Einklang gebracht sind – zu einer entscheidenden Inspirationsquelle für Autoren wie Lukacs, Bloch, Kracauer, Adorno, um nur die wichtigsten zu nennen – und zweifelsohne auch Benjamin.

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