Ruine und Warenfetisch

„Allegorien sind im Reiche der Gedanken, was Ruinen im Reiche der Dinge.“ (Benjamin, UdT, 197) Sie sind Ansammlungen vergangener Tendenzen und Entwicklungen in der Gegenwart. Das Wesen der Ruine scheint in der Tat geradezu paradox: bringt sie doch jeder weitere Verfall ihrer eigentlichen Bestimmung, ihrem So-Sein als Ruine näher. Benjamin hat sich im Ruinenkapitel des Trauerspielbuchs den antagonistischen Kräften der Ruine zugewendet. Die Faszination der barocken Kunst an der Ruine, so seine Erkenntnis, hat ihre Ursachen mitnichten in einer nostalgischen Verklärung des Vergänglichen, wie sich vermuten ließe, sie begründet sich vielmehr im Wesen der Allegorie selbst, dem Vermögen, im Bruchstück das notwendige Komplement zum Ganzen zu sehen. Zerstückelung freilich ist ein wesentliches Merkmal der Moderne. Benjamin hat deshalb in seinen Arbeiten zur bürgerlichen Gesellschaft immer wieder an diese Fähigkeit der Allegorie anzuknüpfen versucht. Wie es zunächst mittels Allegorese den falschen Schein der Totalität zu zerstören gelte, so ist der nächste Schritt des Allegorikers die Entzifferung der Bruchstücke der alltäglichen Dingwelt um dem Wesen der Erscheinungen auf die Spur zu kommen.

Spätestens mit Beginn der Passagenarbeit zieht Benjamin in seine Überlegungen grundlegende Elemente der Marxschen Analyse der bürgerlichen Gesellschaft ein. Die Entwicklung der Warengesellschaft als notwendiges Medium der Selbstverwirklichung des Kapitalismus zielt auf Katastrophe. Die Warengesellschaft ruiniert zugleich die Ware und den Menschen als autonomes Subjekt. Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, erscheint Benjamin gleichsam als Kristallisationspunkt des ruinösen Kapitalismus, in dem der Keim der selbstzerstörerischen Kräfte bereits angelegt ist. Die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts veranstalteten Weltausstellungen, als Schauplätze des Reichtums und vielfältigen Angebots an Konsumtionsgütern, enthüllen auf frappierende Weise, dass die Mehrzahl der an ihrer industriellen Produktion beteiligten Menschen von dem Genuss dieser Güter für immer ausgeschlossen bleibt.

Machen die nützlichen Eigenschaften eines Dinges, indem sie menschliche Bedürfnisse befriedigen, dieses zum Gebrauchswert für den Menschen, so drückt sich m ihrem Tauschwert der soziale Grundwiderspruch in der warenproduzierenden Gesellschaft aus. „Die Entwertung der Dingwelt in der Allegorie wird innerhalb der Dingwelt durch die Ware überboten.“ (I, 660) Denn „nichts entwertet die Dinge so sehr wie die Welt der Dinge selbst“, eine Welt, in der die Ware statt Gebrauchswert vor allem Tauschwert ist. Bereits in den frühen Entwürfen verweist Benjamin darauf, dass er seiner Arbeit über die Pariser Passagen, das Marxsche Konzept des Fetischcharakters der Ware zugrundelegt.

„Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt. daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein von außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. [ … ] Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“ (Marx, MEW 23, 86f)

Der Fetischcharakter der Ware entspringt mithin 1. den besonderen Eigenschaften der Arbeit, welche die Waren produziert und 2. aus dem Verlust des allgemeinen Bewusstseins, dass die Ware ein genuines Produkt gesellschaftlicher Organisation ist. In der warenproduzierenden Gesellschaft sind die sozialen Verhältnisse zu Verhältnissen zwischen Dingen geworden. Verdinglichung und Entfremdung sind somit wesentliche Momente des Warenfetischismus. Benjamin versucht, den Doppelcharakter im Wesen der Ware, nämlich zugleich Gebrauchswert und Tauschwert zu sein, für sein Projekt fruchtbar zu machen und in sein Allegoriekonzept einzubinden. So erscheinen ihm etwa die Pariser Passagen, ursprünglich typische Produkte des raschen Aufkommens des Textilhandels, als stofflich geronnene, naturwüchsige „Kultstätten des Handels“, als heimliche „Tempel der Ware“, als wuchernde „Urlandschaft der Konsumption“. Bereits hinter diesen Bildern verbirgt sich die spätere (materialistische) Erkenntnis, dass es sich bei den Passagen schlechthin um materiale Symbole für die ökonomische Basis der kapitalistischen Moderne handelt, um Orte des Warenfetisch, in denen sich die Geschichte der warenproduzierenden Gesellschaft gleichsam erschöpft. Oder in der geschichtsphilosophischen Diktion Benjamins formuliert: wie die Beziehungen der Menschen zu Warenbeziehungen, so ist auch die Ware selbst zur Allegorie geworden.

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