Dialektik des Erwachens

„Wie Proust seine Lebensgeschichte mit dem Erwachen beginnt, so muß jede Geschichtsschreibung mit dem Erwachen beginnen, ja sie darf eigentlich von nichts anderm handeln. So handelt diese vom Erwachen aus dem neunzehnten Jahrhundert.“ (PW580)

Dieses dialektische Bild ist nicht nur ein Hinweis auf die intendierte methodische Vorgehensweise im Passagenprojekt, sondern macht vor allem auch deutlich, wie sehr sich das Benjaminsche Denken dem Prousts verpflichtet weiß. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts der französische Lebensphilosoph Henri Bergson die Kategorie des „reinen Gedächtnis“ (mémoire pure) als das entscheidende Kriterium für philosophische Erfahrung definiert, sieht sich der Schriftsteller Marcel Proust in seinen eigenen Beobachtungen der zeitlichen Phänomene bestätigt. Das Erleben der Zeit und deren verschiedene Wahrnehmungsweise macht er zum bestimmenden Thema seines Romans À la Recherche du temps perdu, von dem Benjamin selbst Teile ins Deutsche übertragen hat. Vor allem aber ist Prousts Recherche dem Wiederfinden jener „verlorenen“ Zeit gewidmet, als die ihm die eigene Kindheit erscheint. Aus der „mémoire pure“ Bergsons wird so bei Proust die „mémoire involontaire“, das unwillentliche Gedächtnis der zufälligen Erfahrung. Denn allein dieses «intentionslose» Eingedenken, dieses von jeglicher Willkür der bewussten Intelligenz befreite Gedächtnis, ist Proust zufolge fähig, ein «Wiederfinden» von Vergangenem zu ermöglichen. In der wiedergefundenen Zeit verschlingen sich Vergangenes und Gegenwärtiges traumhaft ineinander; Wirklichkeit (als die Erinnerung hervorrufende Sinneswahrnehmung, wie etwa der Geschmack der Madeleine) und Vorstellung (als Erinnerungsbild) kommen zur Symbiose. Der Protagonist Marcel hat sein Entrinnen aus der Zeit mit deren Verlust zu bezahlen. Die zeitlose Zeit („un peu de temps à l’état pur“) erweist sich ihm gleichwohl als positiver Erlebnisgehalt, in der Vergangenheit und gegenwärtiger Augenblick zur Koinzidenz gekommen sind. Benjamins Rekurs auf die eigene Kindheit hingegen verfolgt eine Intention, die sich erkenntniskritisch fundiert.

„Sollte Erwachen die Synthesis sein aus der Thesis des Traumbewußtseins und der Antithesis des Wachbewußtseins? Dann wäre der Moment des Erwachens identisch mit dem «Jetzt der Erkennbarkeit», in dem die Dinge ihre wahre -surrealistische – Miene aufsetzen. So ist bei Proust wichtig der Einsatz des ganzen Lebens an der im höchsten Grade dialektischen Bruchstelle des Lebens.“ (PW,579)

Indem er die vergangenen Bilder seiner Kindheit noch einmal beschwört, die Plätze, Personen, Interieurs, bleibt seine Spurensuche in der Vergangenheit doch stets auf die Zukunft gerichtet. „Die Vergangenheit“ so heißt es in den geschichtsphilosophischen Thesen, „führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird“. Vermittels des Erinnerns an das Geschehene zeigt sich ein Moment der Rettung: Benjamin fundiert es in einer Art eschatologischer Hoffnung in die Kategorie des Erwachens, Erwachen als Synthesis von Traumbewusstsein und Wachbewusstsein im „Jetzt der Erkennbarkeit“, in dem die Dinge ihre „wahre Miene“ aufsetzen. Der Untergang des Subjekts und die Rettung des Menschen werden bei Benjamin zusammengedacht. Dieses Zusammendenken von Gegensätzen ist ein entscheidendes Merkmal in Benjamins Philosophie, dem wir immer wieder begegnen. Gleichzeitig macht es sein Interesse für die Allegorie deutlich, deren Wesen die dialektische Kraft der Gegensätze ist. Wie bereits im Barockbuch die Konstruktion der Trauer auf den dialektischen Umschlag in Erlösung verweist, so gilt dies generell für Benjamins Geschichtsphilosophie. An ihrem Ende steht die Allegorie der Erlösung. Benjamin hat versucht Prousts Recherche aus dem Persönlichen ins Historische zu übersetzen. Im schockartigen Bewusstwerden auf der Schwelle zwischen Traum. und Erwachen sind so seine dialektischen Bilder angesiedelt. Geschichte ist nicht länger als Prozess Gegenstand der Erfahrung; Geschichte im Sinne‘ Benjamins ist vielmehr die spannungsreiche Konstellation zweier Zeitmomente. Nichts Geringeres ist unter „Dialektik im Stillstand“ zu verstehen.

 

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