Begegnung mit Benjamin im Jüdischen Salon

Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.
Walter Benjamin, Goethes Wahlverwandtschaften

 

Es ist bitterkalt an diesem dunklen Januartag in Hamburg. Die Kastanienbäume in der Hartungstraße wiegen sich fröstelnd im Abendwind, während die mondänen Jugendstilvillen vom fernen Sommer träumen. Die ins Ungewisse eilenden Passanten haben ihre Mantelkrägen hochgeschlagen.

In den 1920er Jahren war das Grindelviertel eines der Hauptwohngebiete und kulturelles Zentrum des zumeist im Kleinhandel und Gewerbe tätigen orthodox-jüdischen Kleinbürgertums in Hamburg. Das liberale jüdische Bürgertum hatte sich vor allem im wohlhabenden Teil des Rotherbaums in Alsternähe angesiedelt.

Lange erinnerte im Grindel nur noch wenig an das pulsierende Leben jener Epoche, an die vielen jüdischen Läden, an die Lebensmittelgeschäfte mit koscherer Kost, an die auf hebräische Literatur spezialisierten Buchhandlungen. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Mit der Wiedereröffnung der Talmud-Tora-Schule nahe der von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge am Bornplatz sowie dem darin etablierten neuen Gemeindezentrum erwachte auch wieder die jüdische Kultur im Quartier.[1] Und damit eine intellektuelle Atmosphäre, die ein wenig an vergangene Zeiten denken lässt.


Café Leonar – ein jüdisches Kaffehaus mit Tradition

Beredter Ausdruck dieser Entwicklung ist das schräg gegenüber der Talmud-Tora-Schule gelegene Café Leonar im Grindelhof 59 mit seinem angeschlossenen „Jüdischen Kultursalon“. Hier finden regelmäßig Lesungen, Vorträge, Gespräche und Konzerte statt, frei nach Rahel Varnhagens Gedanken, dass ein Salon wohl die kunstvollste Form des rauschenden Müßiggangs darstellt. Das von Arnold Simmenauer geführte Café befindet sich in einem neu erbauten Haus an einem Ort mit langer jüdischer Tradition. Unter anderem gab es an dieser Stelle dereinst eine „Höhere Töchterschule“ mit einem hohen Anteil von jüdischen Schülerinnen. Daran erinnert ein erhaltenes Treppengeländer der Schule. Arnolds Mutter Sonia Simmenauer ist Gründerin des im hinteren Teil des Café Leonars gelegenen Jüdischen Salons. Ihr erklärtes Credo lautet, dem „ehemals jüdisch geprägten Viertel ein Stück von dem zurückzugeben, was einst seine Identität ausmachte“. Leonar, so hieß die Hamburger Fabrik ihres Großvaters, neben AGFA seinerzeit das führende Werk zur Herstellung von Fotopapier. Die gesamte Familie floh 1938 vor dem Zugriff der Nazis nach Frankreich, wo Sonia Simmenauer auch aufgewachsen ist.

Wer zum ersten Mal in den rund 40 qm großen Salon tritt, fällt sogleich ein unverputzter Teil der rückwärtigen Wand ins Auge; gedacht als Symbol für den zerstörten Tempel in Jerusalem und die ewige Wanderschaft des Menschen. Im mahagonifarbenen Bücherregal befindet sich eine kleine wohlsortierte Bibliothek mit Werken jüdischer Autoren. Neben einer Ausgabe des Briefwechsels von Paul Celan sind Schachfiguren zu erkennen. Weiter hinten ein Porträt der jungen Else Sohn-Rethel, der Großmutter des marxistischen Sozialphilosophen Alfred Sohn-Rethel.

Heute steht im Jüdischen Salon die Vorstellung eines 2015 erschienenen Buchs auf dem Programm, in dem es um den Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin geht[2]. Bereits eine halbe Stunde vor Beginn ist der Salon bis zum letzten Platz gefüllt. Salongastgeberin des heutigen Abends ist die Literaturwissenschaftlerin Friederike Heimann, die sich unter anderem ausführlich mit dem Werk der Lyrikerin Gertrud Kolmar beschäftigt hat, der 1943 in Auschwitz ermordeten Kusine Walter Benjamins. Heimann freut sich insbesondere, dass sie neben dem Leiter des Walter Benjamin Archivs, Erdmut Wizisla[3], der auch der Herausgeber des Bands ist, mit Corinna Harfouch eine der bedeutendsten Bühnen- und Filmschauspielerinnen Deutschlands für die Lesung gewinnen konnte. Sie hat die Beiden bereits mit „großem Vergnügen“ bei einer Lesung im Marbacher Literaturarchiv erlebt und erfüllt sich mit der Einladung in den Jüdischen Salon einen lang gehegten Wunsch.

Die Sekundärliteratur über Walter Benjamin füllt längst viele Regalmeter. Schier zahllose biographische Skizzen und Monographien sind über ihn erschienen.[4] Internationale Kongresse beschäftigten sich mit seinem Leben und Werk. Gleich mehrere Gesellschaften machen sich den Rang streitig, das Erbe Benjamins angemessen zu wahren und fördern. Tatsächlich gibt es wohl kaum einen Aspekt in seinem Werk, der nicht wissenschaftlich ausgeleuchtet und ausführlich erkundet worden wäre. Aber was wissen wir eigentlich über den Menschen Benjamin? Was wissen wir über die bekannten Daten und Fakten hinaus? Wer war dieser Mann, der sich in der Nacht des 25. September 1940 auf der Flucht vor den Nazis in einem kleinen spanischen Grenzort vor lauter Verzweiflung das Leben nahm und der heute zu den einflussreichsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zählt?


Spurensuche

Der schön gestaltete Erinnerungsband „Begegnungen mit Benjamin“ will eine Antwort auf diese Fragen geben. Oder stellt doch zumindest den gelungenen Versuch dar, den Schleier für einen kurzen Moment zu heben, um die Person Benjamin hinter dem Steinbruch der Worte ein wenig sichtbarer zu machen, ähnlich der verborgenen Schrift auf einem Palimpsest. Insgesamt 39 Texte  von 33 Autoren enthält das Buch: Erinnerungen, Berichte, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Zu Wort kommen Freundinnen und Freunde, Kollegen und flüchtige Bekannte, Menschen, die ihm nahestanden, die sein Lachen liebten und seine Freundschaft schätzten. So entsteht beim Lesen das facettenreiche Porträt „einer faszinierenden Persönlichkeit, eine bewegende Geschichte zwischen Scheitern und Gelingen“, wie Erdmut Wizisla sagt. Und nicht zuletzt das Bild einer Person, über den mir Alfred Sohn-Rethel vor vielen Jahren mit glänzenden Augen erzählte, er habe niemals wieder so einen eindrucksvollen, charismatischen Menschen erlebt wie Benjamin, jemanden, der derart geschliffen formulieren und brillant erzählen konnte.

Dass Benjamins Spuren nach seinem Tod überhaupt für die Nachwelt gesichert wurden, ist vor allem denjenigen zu verdanken, die ihm menschlich nahestanden: genannt seien an dieser Stelle seine langjährigen Freunde Theodor W. Adorno und Gershom Scholem sowie die in Pariser Zeiten engste Vertraute Hannah Arendt. In der unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Herrschaft, aber auch der konkreten Erfahrung der Trauer um seinen toten Freund entstandenen „Dialektik der Aufklärung“ (1939-1944) notierte Adorno: „Wenn die Rede heute an einen sich wenden kann, so sind es weder die sogenannten Massen, noch der einzelne, der ohnmächtig ist, sondern eher ein eingebildeter Zeuge, dem wir es hinterlassen, damit es doch nicht ganz mit uns untergeht.“ In diesem Sinne kümmerten sich Adorno und Scholem um den Nachlass Benjamins und die Herausgabe seiner Schriften.

Freilich sollte Benjamins Biografie keinesfalls von seinem tragischen Freitod in Port Bou her gelesen werden, auch wenn dies sein Lebensweg auf den ersten Blick nahezulegen scheint. „Er ist kein Gescheiterter.“ Auf diese Feststellung legt Wizisla in seinen einleitenden Worten großen Wert: „Scheitern und Gelingen, Glück und Missgeschick, Befreiung und Einengung – das sind die extremen Pole, zwischen denen sich Benjamins Leben labyrinthisch bewegt.“ Genau diese dialektische Bewegung vermögen die im Band versammelten Erinnerungen auf äußerst eindrucksvolle Weise zu belegen. Mehr als es eine Biografie kann, die doch stets mit einer bewussten Intention und Zielrichtung verfasst wurde. Jeder der hier versammelten Texte macht ein wenig den Menschen hinter der schillernden Fassade des Werks erkennbarer, offenbart Benjamins Stärken und Schwächen, seine Launen und seine Obsessionen, seine Melancholie und seine Lebensfreude.

Dabei erweisen sich sowohl Corinna Harfouch als auch Erdmut Wizisla als herausragende und kongeniale Interpreten der für diesen Abend ausgewählten Texte. Einfühlsam lesen und kommentieren sie die persönlichen Erinnerungen von Scholem, Adorno, Hannah  Arendt, Bloch, Brecht, Max Rychner, Charlotte Wolf, Soma Morgenstern und anderen.


Eingedenken und Erlösung

Doch der Reihe nach. Die Lesung beginnt mit Tagebucheinträgen des engsten Freunds Gershom Scholem. Tastend und zum Teil schwärmerisch-suchend erinnern sie an die frühen Jahre des Kennenlernens in Berlin, an unbeschwerte und krisenhafte Stunden in der Schweiz, die er gemeinsam mit Dora[5] und Walter Benjamin verbringt, beim Schach[6] oder mit langen Gesprächen, die um die ungewisse Zukunft kreisen, um philosophisch-literarische Themen und immer wieder zentral um den Zionismus. Und nicht zuletzt handeln sie auch von einer verwickelten Persönlichkeits- und Liebesbeziehung dieser ménage à trois, die nicht selten dramatische Züge annimmt. Harfouch liest die entsprechenden Passagen mit schwebender Leichtigkeit und Empathie für den jugendlichen Berichterstatter: „15. August 1915. Am Freitag bei Benjamin gewesen. Er las mir vier Gedichte aus den >Fleurs du mal< in seiner und in Georges Übersetzung vor. Es ergab sich, dass ich alle vier Mal seine Übersetzung für die Georges hielt, bei zweien war seine sicherlich besser“ – „24. August 1916. Benjamins Geist kreist um den Mythos… Wenn ich einmal meine Philosophie haben werde, sagt er zu mir, so wird es irgendwie eine Philosophie des Judentums sein.“ – „9. Juni 1918. Walters Träume gehören mit zu dem fabelhaftesten an ihm. Er träumt solche Sachen seit seiner Kindheit und hat mir schon viele ganz ungeheure Träume erzählt.“ – Mitte 1918 kommt es zu dramatischen Szenen. Scholem denkt an den Freitod. „12. Juni 1918. Man muss es leider gestehen: Walter ist kein gerechter Mensch… Ich kann nicht mit Walter und Dora leben. Walter mag sein, was immer er ist, aber es gibt eine Grenze, die er nicht überschreitet. Das muss ich täglich erfahren. Die Metaphysik macht ihn wahnsinnig. Seine Wahrnehmung ist keine menschliche mehr, sondern die des Gott anheimgegebenen Irren.“ – Dann wieder versöhnliche und heitere Tage: „Bern, 27. Juni 1919. Abends. Heute Nachmittag hat nun Walter den Doktor summa cum laude erworben und ist endlich von der ganzen Universität frei – bis er auf einem anderen Weg zu ihr zurückkehrt! Wir waren abends zusammen, Dora war ausgelassen und froh wie ein Kind und wir erzählten uns lauter sinnlose, sinnvolle Geschichten aus Pappelsrapp.“

In Bern hat auch Ernst Bloch 1918 Benjamin kennengelernt. Rückblickend schreibt er in seiner Erinnerung „Ein metaphysischer Flaneur“: Benjamin „lebte zurückgezogen, steckte – wie seine Frau Dora sagte – bis über die Ohrwascherln in den Büchern. Ich traf ihn einige Jahre später in Berlin wieder, wo er unglücklich und unpassend in der väterlichen Villa hauste. – Dann trafen wir uns in Capri und Positano, auch Asja Lācis war dabei, die lettische Regisseurin, die insofern Einfluss auf ihn ausübte, als sie ihn mit marxistischen Gedankengängen vertraut machte.“  Diesem Einfluss des unglücklich Verliebten sind in hohem Maß seine Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ zu verdanken, die posthum erschienen.

Als eine ganz besondere Entdeckung hebt Wizisla die persönlichen Erinnerungen der jungen Charlotte Wolff hervor, einer Ärztin und Sexualwissenschaftlerin, die auf dem Höhepunkt der Inflation 1923/24 als mittellose Studentin mit den Benjamins in deren Berliner Villa zusammenlebte: „Sie bewohnten ein schönes Haus in der Delbrückstraße 23 im Grunewald. Es hatte Walters Eltern gehört und bot alle Annehmlichkeiten, die eine reiche Familie der Bourgeoisie sich leisten konnte. Walter und Dora führten aber alles andere als ein bourgeoises Leben, auch hatten sie gar kein Geld für einen solchen Luxus. Wir drei machten uns über den Widerspruch zwischen ihrem Lebensstil und ihrer Umgebung lustig.“ Von einer Reise ins Ostseebad Zoppot zeichnet Wolff eine feinsinnige, ironisch gefärbte Skizze Walter Benjamins: „Dieser linkische und gehemmte Mensch, den man sich viel eher an einem Schreibtisch vorstellen konnte, benahm sich, als hätte man ihm etwas Wundervolles geschenkt. Alle Dinge waren ihm neu, und zu keinem Zeitpunkt erinnerte er mich mehr an ein Kind als in Zoppot. Er gluckste vor Lachen, und seine Augen, hinter Brillengläsern versteckt, glitzerten vor Vergnügen. Walter war ein ewiger Student mit ungeheurer Entdeckerfreude. Sein Geist erinnerte mich immer an einen Maulwurf, der ständig gräbt… Seine Erscheinung war einzigartig; er zeigte nicht das typisch männliche Verhalten seiner Generation…“

Nicht wenigen gilt Benjamin „als Eigenbrötler, als sonderbarer Kauz und weltfremd“, sagt Wizisla. Begründet wird dieses (Vor)Urteil in der Regel mit dem lakonischen Verweis auf sein zum Teil schwer zugängliches Werk und seinem „Scheitern“ im wissenschaftlichen Betrieb. Und selbst ein Seelenverwandter wie Adorno vermisste bei Benjamin „menschliche Unmittelbarkeit und Wärme“. Dem gegenüber stehen solche Erinnerungen wie die von Charlotte Wolff, die uns einen völlig anderen Benjamin zeigen, einen, der bei Frauen und Männern gleichermaßen beliebt war, einen kommunikativen und zur echten Freundschaft begabten Menschen voller Esprit und Charme. Das gemischte Publikum im Salon nimmt solche anekdotischen Passagen dankend und in stiller Heiterkeit zur Kenntnis. Es ist dies eine leise, melancholische Heiterkeit, die auch die meisten der vorgetragenen Erinnerungen umweht.

Wie etwa die von Corinna Harfouch gelesenen Aufzeichnungen des jüdischen Schriftstellers und Leidensgenossen Soma Morgenstern, der von einem Mittagessen in Marseille berichtet, zu dem ihn Benjamin einst an einem milden, mediterranen Sommertag eingeladen hat. Kaum hätten beide in der Menükarte des Restaurants geblättert und etwas zum Trinken bestellt, habe ihn Benjamin mit ernster Miene gefragt, ob ihm, Morgenstern, denn nichts Besonderes aufgefallen sei. „Haben Sie denn nichts bemerkt?“, insistierte Benjamin und habe ihm dabei noch einmal die Speisekarte über den Tisch geschoben. „Haben Sie nicht bemerkt, wie das Gasthaus heißt?“ Morgenstern fühlte sich nach eigenem Bekunden der Frage schlechterdings nicht gewachsen und als Prüfling durchgefallen. „Erinnern Sie sich nicht, wer Arnoux heißt? Arnoux ist doch der Name von zwei Hauptfiguren in [Flauberts] >Éducation sentimentale<!“, erläuterte ihm daraufhin Benjamin in euphorischer Stimmung.

Erdmut Wizisla hat den einzelnen Kapiteln seines Erinnerungsbands dankenswerterweise stets einen erläuternden Kommentar vorangestellt. So erfährt etwa der Leser in den einleitenden Worten zu Blochs Text, dass dieser seine Erinnerungen 1965 für einen Radioessay beim Sender Freies Berlin zusammengestellt hat, zu dem er von Peter Szondi eingeladen wurde. Wizisla zufolge verfiel Bloch darin so ins eigene philosophische Fabulieren, dass es bei der Lektüre am Ende gar nicht einfach sei, zu unterscheiden, was denn nun eigentlich Blochs und was Benjamins Denken im Wesentlichen charakterisiere. „Da agierten zwei jüdische Doktoren des Marxismus, deren Denken messianisch geprägt ist. Grenzgänger zum Feuilleton mit einer Schwäche fürs Nebenbei und einem Hang zu Absonderlichen“. Diesen prägenden Hang zum scheinbar Absonderlichen und Besonderen, der ja vor allem in Benjamins kurzen Texten der „Einbahnstraße“ und in der unvollendeten Passagenarbeit immer wieder aufblitzt, beschreibt Bloch in seinen Erinnerungen anlässlich eines gemeinsamen Spaziergangs auf dem Kurfürstendamm. Dessen Frau Karola fragte den offensichtlich mit gesenktem Kopf und versonnen dahin wandelnden Benjamin, worüber er denn gerade nachdenke. Worauf dieser kurzerhand antwortete: >Gnädige, ist Ihnen schon einmal das kränkliche Aussehen der Marzipanfiguren aufgefallen?< Das nun allerdings sei eine typische Benjaminsche Fragestellung, so Bloch, die Benjamins mikrologisches Denken auf den Punkt bringe und dessen Philosophie, nach der die entscheidenden Schläge mit der linken Hand geführt würden, wie es in einem Denkbild der Einbahnstraße heißt. Oder in Blochs Worten: „Hier ist also die Achtung auf das Nebenbei von der Beobachtung und Theorie noch auf die Praxis ausgedehnt. Aber primär ist selbstverständlich die Beobachtung, bevor Praxis kommen kann, und so ging es vom Skurrilen hinauf oder besser hinein in eine unheimlich philosophische Detektivkunst.“


Müde der Verfolgung und das Ende einer Reise

Am 8. Oktober 1940 übermittelt der tief betroffene Wiesengrund-Adorno in einem Brief die Todesnachricht nach Jerusalem[7]: „Lieber Herr Scholem, Walter Benjamin hat sich das Leben genommen… Nach einer offenbar furchtbaren Fußreise und großen Schwierigkeiten…sind die Flüchtlinge in Port Bou eingetroffen. Dort wollte man sie nach Frankreich zurücktransportieren und sie erbaten sich eine Nachtruhe, die ihnen gewährt wurde. Während dieser Nacht hat Walter Morphium genommen. Am Abend des folgenden Tages ist er gestorben und am Mittwoch beerdigt worden… Ich bitte Sie inständig mir zu schreiben. Ich weiß überhaupt nicht, wie es nach dem Tod von Walter weitergehen soll…“. Und wenige Tage später schreibt Adorno an Scholem: „Es kann kein Zweifel daran sein, dass Walter, hätte er nur zwölf Stunden länger ausgehalten, gerettet worden wäre. Wir waren schon dabei, Wohnung für ihn zu suchen. Er war auch zum dauernden Mitglied des Instituts gemacht worden und wusste es… Walters Manuskripte scheinen in Sicherheit zu sein und wir machen alle Anstrengungen, sie hierher zu bekommen. Es ist selbstverständlich, dass von uns alles geschehen wird, um zu retten, was gerettet werden kann.“

Ein Jahr nach Benjamins Tod schreibt Hannah Arendt an Scholem: „New York, 17. Oktober 1941. Lieber Herr Scholem, Wiesengrund sagte mir, dass er ihnen einen ausführlichen Bericht über Benjamins Tod habe zugehen lassen. Ich habe selbst manche nicht unwichtige Einzelheiten erst hier erfahren… Wir haben, als wir vier Monate später in Port Bou ankamen, vergeblich sein Grab gesucht: es war nicht zu finden, nirgends stand sein Name. Der Friedhof geht auf die kleine Bucht, direkt auf das Mittelmeer; er ist in Terrassen in Stein gehauen; in solche Steinwälle werden auch die Särge geschoben. Es ist bei weitem eine der phantastischten und schönsten Stellen, die ich je in meinem Leben gesehen.“

Anlässlich des 100. Geburtstags schuf der israelische Künstler Dani Karavan in unmittelbarer Nähe des Friedhofs von Port Bou ein Denkmal zu Ehren Walter Benjamins. Eine Treppe führt den Besucher in Richtung Bucht durch einen Korridor aus Stahl, der über das offene Meer hinausragt. An seinem Ende ist dieser  von einer Glasplatte verschlossen, in der auf Deutsch ein Satz aus Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen eingraviert ist: „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.“

Viele Jahre hinweg hingen über dem Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer im Fedelhören die Abschriften zweier Gedichte Brechts. Corinna Harfouch wird sie zum Abschluss dieses eindrucksvollen Abends im Jüdischen Café vortragen.

Zum Freitod des Flüchtlings W. B.

Ich höre, dass du die Hand gegen dich erhoben hast
Dem Schlächter zuvorkommend.
Acht Jahre verbannt, den Aufstieg des Feindes beobachtend
Zuletzt an eine unüberschreitbare Grenze getrieben
Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten.
Reiche stürzen. Die Bandenführer
Schreiten daher wie Staatsmänner. Die Völker
Sieht man nicht mehr unter den Rüstungen.
So liegt die Zukunft in Finsternis, und die guten Kräfte
Sind schwach. All das sahst du
Als du den quälbaren Leib zerstörtest.

An Walter Benjamin, der sich auf der Flucht vor Hitler entleibte 

Ermattungstaktik war’s, was dir behagte
Am Schachtisch sitzend in des Birnbaums Schatten
Der Feind, der dich von deinen Büchern jagte
Lässt sich von unsereinem nicht ermatten.

Dann machen wir uns wortlos auf den Heimweg durch das nächtliche Grindelviertel. Am nächsten Tag scheint die Sonne in einem „empörend blauen Himmel“ (Andersch). Nach einem Spaziergang entlang der Außenalster entdecke ich im Hamburger Literaturhaus am Schwanenwijk einen großartig illustrierten und kommentierten Faksimilenachdruck der Erstausgabe von Benjamins Übertragungen der Tableaux Parisiens. Der Kreis schließt sich.

 

[1] Die jüdische Gemeinde in Hamburg hat heute rund 3.500 Mitglieder. Der Großteil von ihnen lebt im Grindelviertel.

[2] Begegnungen mit Benjamin. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Erdmut Wizisla. Leipzig 2015. Lehmstedt Verlag

[3] Ermut Wizisla lehrt an der Humboldt-Universität und leitet neben dem Bertolt-Brecht-Archiv seit 2004 auch das Walter Benjamin Archiv an der Akademie der Künste in Berlin.

[4] Ein guten Überblick über die umfangreiche Sekundärliteratur zu Benjamin geben die kommentierten Bibliographen von Momme Brodersen (1995) und Klaus-Gunther Wesseling (2003)

[5] Dora Sophie Benjamin (geb. 1890 in Wien) war die Tochter des Shakespeare-Spezialisten und Zionisten Leon Kellner. Walter und Dora Benjamin heirateten 1917. Die Ehe wurde nach 13 Jahren formal geschieden. Der 1918 geborene gemeinsame Sohn Stefan Rafael wuchs bei seiner Mutter auf.

[6] Benjamin war ein leidenschaftlicher Schachspieler. In Paris verabredete er sich regelmäßig mit der Fotografin Gisèle Freund zu einer Partie Schach in einem Café am Boulevard Saint-Germain. „Ein kleiner, schwarzer Kaffee genügte, um dort Stunden sitzen zu können. Benjamin war jedesmal schlechter Laune, wenn er ein Spiel verlor“, so Freund in ihren Erinnerungen. Der sehnsüchtig vermissten Schachpartnerin Hannah Arendt schrieb er einmal: „Meine Springer wiehern bereits vor Ungeduld, sich mit den Ihren herumzubeißen.“

[7]  Gershom Scholem hat zu dieser Zeit bereits eine Professur an der Hebräischen Universität in Jerusalem und unterrichtet dort u.a. jüdische Mystik.

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