Die Selbstgerechten

Kurzbesprechung von Sahra Wagenknechts Buch „Die Selbstgerechten“

Nach einem furiosen Start im Spätsommer 2019 mit mehr als 160.000 registrierten UnterstützerInnen ist es ruhig geworden um die Sammlungsbewegung Aufstehen. Nicht zuletzt die internen Auseinandersetzungen im Trägerverein und der krankheitsbedingte Rückzug von Initiatorin Sahra Wagenknecht Anfang 2020 haben Aufstehen in der Entwicklung zu einer relevanten außerparlamentarischen Gegenkraft weit zurückgeworfen. Nun hat Wagenknecht mit „Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt“ ein wichtiges Buch vorgelegt, das insbesondere im programmatischen Teil als eine Art politisches Manifest der Sammlungsbewegung gelesen werden kann und in seiner polemisch zugespitzten Analyse des Linksliberalismus immerhin so viel Sprengstoff in sich birgt, dass bereits im Vorfeld der Veröffentlichung ihre politischen Gegner in der Partei DIE LINKE eine bundesweite Kampagne lostraten, um die vermeintlich Abtrünnige öffentlich zu diskreditieren und deren Kandidatur zur diesjährigen Bundestagswahl zu verhindern. Dieser ungeheuerliche Vorgang entbehrt nicht einer gewissen Pointe, bestätigen doch Wagenknechts innerparteiliche Widersacher damit exakt wesentliche Thesen, die im Buch über den Linksliberalismus und die selbstgerechte „Lifestyle-Linke“ entwickelt werden. Dass sich die Autorin bewusst war, welche Lawine sie mit ihrer bissigen Polemik gegen die linksliberale Überheblichkeit lostreten könnte und die Kampagne aus den eigenen Reihen antizipierte, hat sie selbst im Vorwort beschrieben. Dort heißt es: „Mit diesem Buch positioniere ich mich in einem politischen Klima, in dem cancel culture an die Stelle fairer Auseinandersetzungen getreten ist. Ich tue das in dem Wissen, dass ich nun ebenfalls >gecancelt< werde.“ Nicht gecancelt wurde sie hingegen von ihren Leserinnen und Lesern. Seit Wochen steht ihr Buch auf Platz 1 der einschlägigen Listen der meistverkauften Sachbücher.

Die Selbstgerechten ist eine Streitschrift im besten Sinne. Doch vor allem ist das Buch ein „grundlegendes gesellschaftstheoretisches Werk“, das sich – auch ohne die Voraussetzungen eines wissenschaftlichen Studiums – erstaunlich gut und leicht verständlich liest. Wagenknecht entfaltet in ihrer Schrift nicht weniger als ein Gesamtpanorama des global agierenden Finanzkapitalismus und dessen fatale Auswirkungen auf den Sozialstaat. Akribisch analysiert sie dabei die sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen des postfordistischen Kapitalismus und die praktischen Folgen für die „Modernisierungsverlierer“ im unteren Drittel der Gesellschaft. Nach einem kühnen Parforceritt durch die Geschichte der Arbeiterbewegung beschreibt Wagenknecht zunächst die im Schatten des Neoliberalismus gewachsene neue akademische Mittelklasse und deren gezielte Abschottung nach unten durch kulturelle Distinktion. Weitere Kapitel widmen sich der Dystopie eines drohenden digitalen Überwachungskapitalismus, der Zuwanderung und den sozialstaatlichen Konsequenzen der „offenen Grenzen für alle“ sowie den Bigotterien einer selbstgerechten Klimadebatte.

Wagenknecht über Identitätspolitik und die sogenannte Lifestyle-Linke

Fixpunkt der Wagenknechtschen Ausführungen ist dabei immer die Auseinandersetzung mit der die heute alle Diskussionen überlagernde Identitätspolitik. Diese führe im Gesellschaftsdiskurs zu einer Art Opfer- und Betroffenheitswettbewerb, während von den fundamentalen Strukturproblemen des entfesselten Kapitalismus, nämlich den sozialen und ökonomischen Verteilungsungerechtigkeiten, abgelenkt werde. In diesem Zusammenhang kritisiert Wagenknecht den zunehmenden Verfall der Diskussionskultur in den öffentlichen Debatten. Von der Debatte über die Flüchtlingspolitik mit ihrem Narrativ der „Willkommenskultur“ über die Debatte zum Klimawandel und der Bekämpfung angeblicher „Klimaleugner“ bis hin zur aktuellen Corona-Pandemie und dem verordneten Lockdown-Regierungsnarrativ: stets werde nur noch moralisiert statt argumentiert, Emotionen ersetzten Inhalte und rationale Begründungen. An die Stelle des solidarischen Meinungsstreits seien emotionale Empörungsrituale, moralische Diffamierungen und offener Hass getreten. Als Protagonisten dieser erhitzten Symboldebatten macht Wagenknecht in Anknüpfung an den Kultursoziologen Andreas Reckwitz eine neue, mit ökonomischem und kulturellem Kapital wohlausgestattete Mittelschicht aus. Dieses „linksliberale“ Juste Milieu, beruflich oft an den Schaltstellen der öffentlichen Meinung verortet, denke und handle letztlich aber weder links noch liberal, sondern vor allem selbstgerecht. Bei ihrem rigorosen Eintreten für mehr Diversität, Antirassismus und symbolischer Anerkennung von Minderheiten ginge es den selbstgerechten Linksliberalen vor allem um ihre eigene moralische Integrität und Selbstbestätigung und weniger um eine wirkliche Veränderung der sozialen Verhältnisse und eine gerechte Verteilungspolitik zugunsten der Modernisierungsverlierer und Prekarisierten.

Wenn nun Wagenknecht mit großem Aplomb gegen die einseitige Identitätspolitik der woken Lifestyle-Linken polemisiert, argumentiert sie doch stets aus Sicht der traditionellen Linken, die sich den Erkenntnissen der marxschen Klassentheorie verpflichtet weiß, nach der in der Klassengesellschaft die Klassen primäre soziale Kategorien konstituieren. Anders formuliert: In der Klassengesellschaft legt die eigentumsrechtliche Stellung in Bezug auf die Produktionsmittel die Klassenzugehörigkeit fest und begründet so die formale Struktur der gesellschaftlichen Verfasstheit. Wenn also Wagenknecht Klassen als grundlegende, die Gesellschaft strukturierende, Kategorie bestimmt, der Kategorien wie Race und Gender nachgeordnet sind, ist das die orthodoxe marxistische Sichtweise der Linken und eben nicht „rechts“ oder „rassistisch“, wie ihr das von einigen innerparteilichen Kritikern paradoxerweise vorgeworfen wird. Das genuine Klasseninteresse drückt sich im gemeinsamen Interesse der Klassenzugehörigen nach Abschaffung der schlechten Verhältnisse aus – und dies unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung.

Große Teile der Linken haben Wagenknecht zufolge inzwischen die Seiten gewechselt. „Heute steht das Label links meist für eine Politik, die sich für die Belange der akademischen Mittelschicht engagiert.“ Was kein Wunder sei, profitiere die privilegierte Schicht der kosmopolitischen Großstadtakademiker und Lifestyle-Linken doch am ehesten von „Globalisierung und EU-Integration, von hoher Zuwanderung und zumindest teilweise auch vom wirtschaftsliberalen Status quo.“ Pointiert beschreibt Wagenknecht in den ersten Kapiteln ihres Buchs diese urbanen Milieus, bei denen es sich in der Regel um besser gestellte junge Menschen mit entsprechendem familiären Hintergrund handelt, die, so der Kollege Rainer Balcerowiak, „ihren moralischen Rigorismus in Sachen unregulierter Zuwanderung, gendergerechter Sprache, Klimapolitik und Bilderstürmerei als vermeintlichen Kampf gegen Rassismus, Faschismus und Sexismus“ öffentlichkeitswirksam zelebrierten und dabei von vielen ehemals klassischen Linken noch hofiert würden.

Auf der Strecke blieben indes die sogenannten einfachen Leute, die der regellose, globalisierte Kapitalismus zu Verlierern mache. Für diese Marginalisierten und sozial Abgehängten stiege das Haushaltseinkommen schon seit Jahren nicht mehr und sie müssten kämpfen, um ihren Lebensstandard überhaupt zu halten. „Gab es vor einigen Jahrzehnten noch reale Aufstiegschancen für Kinder aus ärmeren Familien, ist der persönliche Lebensstandard heute wieder vor allem eine Herkunftsfrage“.  In diesem Zusammenhang hält Sahra Wagenknecht es für eine Tragödie, dass die „Mehrzahl der sozialdemokratischen und linken Parteien sich auf den Irrweg des Linksliberalismus  eingelassen hat, der die Linke theoretisch entkernt und sie großen Teilen ihrer Wählerschaft entfremdet“. Dabei gäbe es in der Bevölkerung durchaus eine tragfähige Mehrheit für eine Politik jenseits des neoliberalen Dogmas von Sozialabbau und Privatisierung: für soziale Gerechtigkeit und Zusammenhalt, für eine vernünftige Regulierung von Finanzmärkten und Digitalwirtschaft, für gestärkte Arbeitnehmerrechte. Statt aber diese Mehrheiten mit einem attraktiven Programm anzusprechen, hätten SPD und LINKE der AfD zu ihren Wahlerfolgen verholfen und die linksliberalen Grünen „auf geradezu unterwürfige Weise als intellektuelle und politische Avantgarde akzeptiert.“

Wagenknechts Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt

Wie aber könnten die linken Parteien im Sinne einer echten sozialen Volkspartei die verlorene gesellschaftliche Mehrheit (zurück-)gewinnen? Eckpunkte für solch ein „linkskonservatives“, auf tradierte Wert- und Gerechtigkeitsvorstellungen wie Solidarität und Gemeinsinn zurückgreifendes Programm, skizziert Wagenknecht im zweiten Teil ihres Buchs. 

 1. Gemeinsinn als Gegenentwurf zum entfesselten Kapitalismus

„Ohne Wir-Gefühl überlebt keine Demokratie“, zitiert Sahra Wagenknecht den griechischen Staatsphilosophen Aristoteles. Denn ohne einen „gewissen Fundus an Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Werten gibt es auch keine res republica: keine gemeinsame öffentliche Sache, über die sich demokratisch verhandeln ließe.“ (S. 214) Darin besteht ja der Kern lebendiger Demokratien, dass „Mehrheiten über die großen Linien der Politik entscheiden“. Und nur dort, „wo es gemeinsame Werte und Bindungen gibt, existiert auch die Bereitschaft zur Solidarität. Die starken europäischen Sozialstaaten der Nachkriegszeit hätten ohne ein solches Fundament nicht entstehen können.“
In diesem Sinn wurde die Gesellschaft in den Grenzen des eigenen Landes von den meisten Menschen immer „als eine Art Gemeinschaftsprojekt verstanden, für das jeder Einzelne Mitverantwortung“ zu tragen hat. Diese auf eine grundsätzlich auf Solidarität begründete Einstellung habe sich allerdings in der Folge der zunehmenden Marktderegulierung, der Privatisierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen und der damit einhergehenden schleichenden Durchdringung der Gesellschaft mit der neoliberalen Ideologie radikal geändert. Selbst viele Linke äußerten sich heute über „linkskonservative“ Werte wie Solidarität und Gemeinschaftsdenken leider nur noch in verächtlicher Weise. „Aber“, so fragt Sahra Wagenknecht, „sind denn traditionelle Gemeinschaftswerte tatsächlich (so) veraltet und überholt?“ Und „ist denn die Sehnsucht nach einer vertrauten und beherrschbaren Lebenswelt, nach sicheren Arbeitsplätzen, sicheren Wohnvierteln und stabilen Familienverhältnissen ein rückschrittliches Ressentiment?“ Oder sind diese Werte nicht eher „ein sehr viel überzeugenderer Gegenentwurf zum entfesselten Kapitalismus als der bindungslose Selbstverwirklichungs-individualismus und die linksliberale Weltbürgerlichkeit, die auffällig gut zum ökonomischen Umfeld globaler Märkte und zu den Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen renditegetriebener Unternehmen passen?“ (223).

Für die große Mehrheit der Menschen seien die gebändigten Marktwirtschaften der europäischen Nachkriegszeit jedenfalls eine weit erträglichere Gesellschaft gewesen als der enthemmte, globalisierte Kapitalismus unserer Zeit. Innerparteiliche Kritiker behaupten nun, Wagenknecht wolle mit solchen Aussagen unter Berufung auf den „guten alten Kapitalismus ordoliberaler Prägung“ in die prosperierenden Zeiten der sozialen Marktwirtschaft der 1960er Jahre zurückkehren. Das ist – mit Verlaub – natürlich Unsinn und eine bewusste Missinterpretation. Tatsächlich geht es der promovierten Ökonomin Wagenknecht in solchen Vergleichen vor allem darum, das ganze Ausmaß der fortschreitenden Zerstörung des Sozialstaats und den Abbau der Demokratie zu verdeutlichen.

2. Plädoyer für den sozialen Nationalstaat

Der Nationalstaat ist das erklärte Feindbild in der neoliberalen Erzählung. Und nicht nur Wirtschaftsliberalen, sondern auch den meisten Linksliberalen gilt er als Auslaufmodell. Dabei ist der Tenor des Abgesangs stets gleich: „Nationalstaaten werden als unfähig angesehen, mit den Problemen einer globalisierten Ökonomie klarzukommen oder Lösungen“ für die großen Menschheitsfragen, wie etwa den Klimawandel, bereitzustellen. Hingegen werden die Unterordnung der Nationalstaaten „unter supranationale Einrichtungen wie die Europäische Union und die Einschränkung ihrer Souveränität durch internationale Verträge als zivilisatorischer Fortschritt gepriesen“, die Vision einer Weltregierung als verheißungsvolle Zukunftsperspektive propagiert.

Allein: Die Motive dieser neoliberalen Erzählung von der Antiquiertheit des Nationalstaats seien leicht zu durchschauen, so Wagenknecht. Der Sozialstaat, der den renditeorientierten Wirtschaftseliten schon immer viel zu teuer geworden sei, solle weiter eingedampft, die soziale Infrastruktur und öffentliche Daseinsvorsorge noch mehr heruntergefahren und staatliche Einrichtungen und Dienste weiter ungebremst privatisiert werden.

Hier setzt Sahra Wagenknechts Plädoyer für den sozialen Nationalstaat an. Vor der Folie des global entfesselten Kapitalismus erscheint der Nationalstaat als einzig mögliche Instanz, um sozialen Ausgleich demokratisch zu organisieren. Nur im Nationalstaat ließen sich mittels gezielter staatlicher Steuerung „Marktergebnisse korrigieren“, Einkommen gerecht umverteilen und soziale Absicherungen für alle Bürgerinnen und Bürger bereitstellen. Der neoliberale Schlachtruf „Kein Zurück zum Nationalstaat bedeute dagegen „Kein Zurück zur Demokratie“ und „Kein Zurück zum Sozialstaat“.

3. Direkte Demokratie:

Der Begriff „Demokratie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Herrschaft des Volkes“. Als Staatsform begründet die Demokratie das politische Prinzip, nach dem das Volk durch freie Wahlen an der Machtausübung im Staat teilhat. 

Viele Menschen haben heute allerdings nicht mehr den Eindruck, dass ihre Anliegen und Wünsche irgendeinen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Ganz im Gegenteil: „Sie fühlen sich außerstande, öffentliche Prozesse mitbestimmen zu können“, konstatiert Sahra Wagenknecht. „Gerade Ärmere gehen oft nicht mehr zur Wahl und haben nicht selten jedes Interesse am politischen Geschehen verloren. Es wird beklagt, diese Menschen würden sich von der Demokratie abwenden. Das stimmt nicht. Sie ziehen die Konsequenz daraus, dass es in ihren Augen keine Demokratie mehr gibt.“ (S. 247)

Daher sollten „zentrale Fragen für die Zukunft des Landes und das Leben der Menschen direkt von den Bürgerinnen und Bürgern entschieden werden.“ Für die demokratische Willensbildung reiche das repräsentative System der Parteiendemokratie allein nicht mehr aus und müsse durch Institutionen direkter Demokratie ergänzt werden und einer öffentlichen Kammer mit Debatten- und Vetorecht, die auf Grundlage von Losverfahren aus normalen Bürgerinnen und Bürgern gebildet wird. Bei wichtigen parlamentarischen Entscheidungen sei darüber hinaus die gesamte Bevölkerung in einem Referendum hinzuziehen.

Doch „nicht nur das Wahlrecht, auch die Versorgung mit öffentlichen Gütern – von guter Bildung über eine bezahlbare Wohnung bis zu einer soliden vom eigenen Einkommen unabhängigen Gesundheitsversorgung – gehört zu den Grundrechten der Staatsbürger in einer echten Demokratie. Krankenhäuser und Universitäten sind keine Profitcenter. Krankenhäuser sollen heilen, Pflegheime pflegen, Schulen Wissen vermitteln und unabhängig forschen. Sie alle benötigen eine entsprechende Ausstattung mit Finanzen, Personal und Kompetenz, um diesen öffentlichen Auftrag zu erfüllen.“ (S.266)

Wagenknecht zufolge gibt es keinen Grund, sich mit der „Herrschaft des großen Geldes“ abzufinden. Solidarität, Demokratie und ein gerechter Sozialstaat können auch im 21. Jahrhundert lebendig sein. Daran muss ein linkes Gegenprogramm anknüpfen.

Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt
Campus Verlag. April 2021. 345 Seiten. Gebundene Ausgabe, 24,95 Euro. ISBN 978-3-593-51390-4

Einführung in die Theorie der dialektischen Bilder Walter Benjamins

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Manfred Steglich: Bilder der Moderne. Walter Benjamin.
twentysix, Norderstedt 2017,  ISBN-13: 978-3740727833
Paperback, 88 S., 15 Euro

Der Essay „Bilder der Moderne“ ist der Versuch eines mimetischen Eingedenkens in die dialektischen Bilder Walter Benjamins und dessen Vorhaben, eine Art Urgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft zu zeichnen. Indem der Autor sich gewissermaßen die archäologische Methode des historischen Spurenlesers Benjamin kritisch zu eigen macht, sollen wesentliche Intentionen und Strukturen eines Denkens sichtbar werden, das selbst sich in Bildern bewegt.

aus einer Rezension: „Der lesenswerte Band bietet auf wenigen Seiten eine sehr gute und differenzierte Einführung in die Theorie der dialektischen Bilder Walter Benjamins. Dabei stellt der Autor Benjamin in den Kontext der Soziologie der Moderne (Max Weber, Georg Simmel), ohne deshalb – und darin liegt der besondere Anspruch des Essays – die literarischen Quellen sowohl von Benjamins Moderne-Kritik (Baudelaire) als auch von dessen Verfahren (die gleichermaßen auf Proust und die Surrealisten verweisen) außer acht zu lassen. So gelingt es ihm, ein überzeugendes Beziehungsgeflecht zwischen Soziologie und Literatur zu knüpfen, das soziologische und literarische Moderne-Analyse als wechselseitig voneinander abhängige und miteinander verwobene Diskurse erkennbar macht.“

Erinnerndes Erwachen. Zu Walter Benjamins Einbahnstraße

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Walter Benjamin: Einbahnstraße
Nachwort von Manfred Steglich
twentysix, Norderstedt 2017,  ISBN-13: 978-3740730567
Paperback, 100 S., 10 Euro

Die „Einbahnstraße“, 1928 bei Rowohlt veröffentlicht, gilt als eines der wichtigsten Werke der avantgardistischen Literatur der Weimarer Republik. Die hier versammelten Denk- und Traumbilder haben nichts von ihrer emblematischen Strahlkraft verloren.

Walter Benjamin, Kulturkritiker, Essayist und Philosoph, 1892 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin geboren, gehörte zum erweiterten Kreis des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Er emigrierte 1933 nach Frankreich, wurde im Herbst 1939 im Lager Nevers interniert und nahm sich ein Jahr darauf, von der Flucht vor den NS-Schergen erschöpft, in der nordspanischen Hafenstadt Portbou das Leben.

Begegnung mit Benjamin im Jüdischen Salon

Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.
Walter Benjamin, Goethes Wahlverwandtschaften

 

Es ist bitterkalt an diesem dunklen Januartag in Hamburg. Die Kastanienbäume in der Hartungstraße wiegen sich fröstelnd im Abendwind, während die mondänen Jugendstilvillen vom fernen Sommer träumen. Die ins Ungewisse eilenden Passanten haben ihre Mantelkrägen hochgeschlagen.

In den 1920er Jahren war das Grindelviertel eines der Hauptwohngebiete und kulturelles Zentrum des zumeist im Kleinhandel und Gewerbe tätigen orthodox-jüdischen Kleinbürgertums in Hamburg. Das liberale jüdische Bürgertum hatte sich vor allem im wohlhabenden Teil des Rotherbaums in Alsternähe angesiedelt.

Lange erinnerte im Grindel nur noch wenig an das pulsierende Leben jener Epoche, an die vielen jüdischen Läden, an die Lebensmittelgeschäfte mit koscherer Kost, an die auf hebräische Literatur spezialisierten Buchhandlungen. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Mit der Wiedereröffnung der Talmud-Tora-Schule nahe der von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge am Bornplatz sowie dem darin etablierten neuen Gemeindezentrum erwachte auch wieder die jüdische Kultur im Quartier.[1] Und damit eine intellektuelle Atmosphäre, die ein wenig an vergangene Zeiten denken lässt.


Café Leonar – ein jüdisches Kaffehaus mit Tradition

Beredter Ausdruck dieser Entwicklung ist das schräg gegenüber der Talmud-Tora-Schule gelegene Café Leonar im Grindelhof 59 mit seinem angeschlossenen „Jüdischen Kultursalon“. Hier finden regelmäßig Lesungen, Vorträge, Gespräche und Konzerte statt, frei nach Rahel Varnhagens Gedanken, dass ein Salon wohl die kunstvollste Form des rauschenden Müßiggangs darstellt. Das von Arnold Simmenauer geführte Café befindet sich in einem neu erbauten Haus an einem Ort mit langer jüdischer Tradition. Unter anderem gab es an dieser Stelle dereinst eine „Höhere Töchterschule“ mit einem hohen Anteil von jüdischen Schülerinnen. Daran erinnert ein erhaltenes Treppengeländer der Schule. Arnolds Mutter Sonia Simmenauer ist Gründerin des im hinteren Teil des Café Leonars gelegenen Jüdischen Salons. Ihr erklärtes Credo lautet, dem „ehemals jüdisch geprägten Viertel ein Stück von dem zurückzugeben, was einst seine Identität ausmachte“. Leonar, so hieß die Hamburger Fabrik ihres Großvaters, neben AGFA seinerzeit das führende Werk zur Herstellung von Fotopapier. Die gesamte Familie floh 1938 vor dem Zugriff der Nazis nach Frankreich, wo Sonia Simmenauer auch aufgewachsen ist.

Wer zum ersten Mal in den rund 40 qm großen Salon tritt, fällt sogleich ein unverputzter Teil der rückwärtigen Wand ins Auge; gedacht als Symbol für den zerstörten Tempel in Jerusalem und die ewige Wanderschaft des Menschen. Im mahagonifarbenen Bücherregal befindet sich eine kleine wohlsortierte Bibliothek mit Werken jüdischer Autoren. Neben einer Ausgabe des Briefwechsels von Paul Celan sind Schachfiguren zu erkennen. Weiter hinten ein Porträt der jungen Else Sohn-Rethel, der Großmutter des marxistischen Sozialphilosophen Alfred Sohn-Rethel.

Heute steht im Jüdischen Salon die Vorstellung eines 2015 erschienenen Buchs auf dem Programm, in dem es um den Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin geht[2]. Bereits eine halbe Stunde vor Beginn ist der Salon bis zum letzten Platz gefüllt. Salongastgeberin des heutigen Abends ist die Literaturwissenschaftlerin Friederike Heimann, die sich unter anderem ausführlich mit dem Werk der Lyrikerin Gertrud Kolmar beschäftigt hat, der 1943 in Auschwitz ermordeten Kusine Walter Benjamins. Heimann freut sich insbesondere, dass sie neben dem Leiter des Walter Benjamin Archivs, Erdmut Wizisla[3], der auch der Herausgeber des Bands ist, mit Corinna Harfouch eine der bedeutendsten Bühnen- und Filmschauspielerinnen Deutschlands für die Lesung gewinnen konnte. Sie hat die Beiden bereits mit „großem Vergnügen“ bei einer Lesung im Marbacher Literaturarchiv erlebt und erfüllt sich mit der Einladung in den Jüdischen Salon einen lang gehegten Wunsch.

Die Sekundärliteratur über Walter Benjamin füllt längst viele Regalmeter. Schier zahllose biographische Skizzen und Monographien sind über ihn erschienen.[4] Internationale Kongresse beschäftigten sich mit seinem Leben und Werk. Gleich mehrere Gesellschaften machen sich den Rang streitig, das Erbe Benjamins angemessen zu wahren und fördern. Tatsächlich gibt es wohl kaum einen Aspekt in seinem Werk, der nicht wissenschaftlich ausgeleuchtet und ausführlich erkundet worden wäre. Aber was wissen wir eigentlich über den Menschen Benjamin? Was wissen wir über die bekannten Daten und Fakten hinaus? Wer war dieser Mann, der sich in der Nacht des 25. September 1940 auf der Flucht vor den Nazis in einem kleinen spanischen Grenzort vor lauter Verzweiflung das Leben nahm und der heute zu den einflussreichsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zählt?


Spurensuche

Der schön gestaltete Erinnerungsband „Begegnungen mit Benjamin“ will eine Antwort auf diese Fragen geben. Oder stellt doch zumindest den gelungenen Versuch dar, den Schleier für einen kurzen Moment zu heben, um die Person Benjamin hinter dem Steinbruch der Worte ein wenig sichtbarer zu machen, ähnlich der verborgenen Schrift auf einem Palimpsest. Insgesamt 39 Texte  von 33 Autoren enthält das Buch: Erinnerungen, Berichte, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Zu Wort kommen Freundinnen und Freunde, Kollegen und flüchtige Bekannte, Menschen, die ihm nahestanden, die sein Lachen liebten und seine Freundschaft schätzten. So entsteht beim Lesen das facettenreiche Porträt „einer faszinierenden Persönlichkeit, eine bewegende Geschichte zwischen Scheitern und Gelingen“, wie Erdmut Wizisla sagt. Und nicht zuletzt das Bild einer Person, über den mir Alfred Sohn-Rethel vor vielen Jahren mit glänzenden Augen erzählte, er habe niemals wieder so einen eindrucksvollen, charismatischen Menschen erlebt wie Benjamin, jemanden, der derart geschliffen formulieren und brillant erzählen konnte.

Dass Benjamins Spuren nach seinem Tod überhaupt für die Nachwelt gesichert wurden, ist vor allem denjenigen zu verdanken, die ihm menschlich nahestanden: genannt seien an dieser Stelle seine langjährigen Freunde Theodor W. Adorno und Gershom Scholem sowie die in Pariser Zeiten engste Vertraute Hannah Arendt. In der unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Herrschaft, aber auch der konkreten Erfahrung der Trauer um seinen toten Freund entstandenen „Dialektik der Aufklärung“ (1939-1944) notierte Adorno: „Wenn die Rede heute an einen sich wenden kann, so sind es weder die sogenannten Massen, noch der einzelne, der ohnmächtig ist, sondern eher ein eingebildeter Zeuge, dem wir es hinterlassen, damit es doch nicht ganz mit uns untergeht.“ In diesem Sinne kümmerten sich Adorno und Scholem um den Nachlass Benjamins und die Herausgabe seiner Schriften.

Freilich sollte Benjamins Biografie keinesfalls von seinem tragischen Freitod in Port Bou her gelesen werden, auch wenn dies sein Lebensweg auf den ersten Blick nahezulegen scheint. „Er ist kein Gescheiterter.“ Auf diese Feststellung legt Wizisla in seinen einleitenden Worten großen Wert: „Scheitern und Gelingen, Glück und Missgeschick, Befreiung und Einengung – das sind die extremen Pole, zwischen denen sich Benjamins Leben labyrinthisch bewegt.“ Genau diese dialektische Bewegung vermögen die im Band versammelten Erinnerungen auf äußerst eindrucksvolle Weise zu belegen. Mehr als es eine Biografie kann, die doch stets mit einer bewussten Intention und Zielrichtung verfasst wurde. Jeder der hier versammelten Texte macht ein wenig den Menschen hinter der schillernden Fassade des Werks erkennbarer, offenbart Benjamins Stärken und Schwächen, seine Launen und seine Obsessionen, seine Melancholie und seine Lebensfreude.

Dabei erweisen sich sowohl Corinna Harfouch als auch Erdmut Wizisla als herausragende und kongeniale Interpreten der für diesen Abend ausgewählten Texte. Einfühlsam lesen und kommentieren sie die persönlichen Erinnerungen von Scholem, Adorno, Hannah  Arendt, Bloch, Brecht, Max Rychner, Charlotte Wolf, Soma Morgenstern und anderen.


Eingedenken und Erlösung

Doch der Reihe nach. Die Lesung beginnt mit Tagebucheinträgen des engsten Freunds Gershom Scholem. Tastend und zum Teil schwärmerisch-suchend erinnern sie an die frühen Jahre des Kennenlernens in Berlin, an unbeschwerte und krisenhafte Stunden in der Schweiz, die er gemeinsam mit Dora[5] und Walter Benjamin verbringt, beim Schach[6] oder mit langen Gesprächen, die um die ungewisse Zukunft kreisen, um philosophisch-literarische Themen und immer wieder zentral um den Zionismus. Und nicht zuletzt handeln sie auch von einer verwickelten Persönlichkeits- und Liebesbeziehung dieser ménage à trois, die nicht selten dramatische Züge annimmt. Harfouch liest die entsprechenden Passagen mit schwebender Leichtigkeit und Empathie für den jugendlichen Berichterstatter: „15. August 1915. Am Freitag bei Benjamin gewesen. Er las mir vier Gedichte aus den >Fleurs du mal< in seiner und in Georges Übersetzung vor. Es ergab sich, dass ich alle vier Mal seine Übersetzung für die Georges hielt, bei zweien war seine sicherlich besser“ – „24. August 1916. Benjamins Geist kreist um den Mythos… Wenn ich einmal meine Philosophie haben werde, sagt er zu mir, so wird es irgendwie eine Philosophie des Judentums sein.“ – „9. Juni 1918. Walters Träume gehören mit zu dem fabelhaftesten an ihm. Er träumt solche Sachen seit seiner Kindheit und hat mir schon viele ganz ungeheure Träume erzählt.“ – Mitte 1918 kommt es zu dramatischen Szenen. Scholem denkt an den Freitod. „12. Juni 1918. Man muss es leider gestehen: Walter ist kein gerechter Mensch… Ich kann nicht mit Walter und Dora leben. Walter mag sein, was immer er ist, aber es gibt eine Grenze, die er nicht überschreitet. Das muss ich täglich erfahren. Die Metaphysik macht ihn wahnsinnig. Seine Wahrnehmung ist keine menschliche mehr, sondern die des Gott anheimgegebenen Irren.“ – Dann wieder versöhnliche und heitere Tage: „Bern, 27. Juni 1919. Abends. Heute Nachmittag hat nun Walter den Doktor summa cum laude erworben und ist endlich von der ganzen Universität frei – bis er auf einem anderen Weg zu ihr zurückkehrt! Wir waren abends zusammen, Dora war ausgelassen und froh wie ein Kind und wir erzählten uns lauter sinnlose, sinnvolle Geschichten aus Pappelsrapp.“

In Bern hat auch Ernst Bloch 1918 Benjamin kennengelernt. Rückblickend schreibt er in seiner Erinnerung „Ein metaphysischer Flaneur“: Benjamin „lebte zurückgezogen, steckte – wie seine Frau Dora sagte – bis über die Ohrwascherln in den Büchern. Ich traf ihn einige Jahre später in Berlin wieder, wo er unglücklich und unpassend in der väterlichen Villa hauste. – Dann trafen wir uns in Capri und Positano, auch Asja Lācis war dabei, die lettische Regisseurin, die insofern Einfluss auf ihn ausübte, als sie ihn mit marxistischen Gedankengängen vertraut machte.“  Diesem Einfluss des unglücklich Verliebten sind in hohem Maß seine Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ zu verdanken, die posthum erschienen.

Als eine ganz besondere Entdeckung hebt Wizisla die persönlichen Erinnerungen der jungen Charlotte Wolff hervor, einer Ärztin und Sexualwissenschaftlerin, die auf dem Höhepunkt der Inflation 1923/24 als mittellose Studentin mit den Benjamins in deren Berliner Villa zusammenlebte: „Sie bewohnten ein schönes Haus in der Delbrückstraße 23 im Grunewald. Es hatte Walters Eltern gehört und bot alle Annehmlichkeiten, die eine reiche Familie der Bourgeoisie sich leisten konnte. Walter und Dora führten aber alles andere als ein bourgeoises Leben, auch hatten sie gar kein Geld für einen solchen Luxus. Wir drei machten uns über den Widerspruch zwischen ihrem Lebensstil und ihrer Umgebung lustig.“ Von einer Reise ins Ostseebad Zoppot zeichnet Wolff eine feinsinnige, ironisch gefärbte Skizze Walter Benjamins: „Dieser linkische und gehemmte Mensch, den man sich viel eher an einem Schreibtisch vorstellen konnte, benahm sich, als hätte man ihm etwas Wundervolles geschenkt. Alle Dinge waren ihm neu, und zu keinem Zeitpunkt erinnerte er mich mehr an ein Kind als in Zoppot. Er gluckste vor Lachen, und seine Augen, hinter Brillengläsern versteckt, glitzerten vor Vergnügen. Walter war ein ewiger Student mit ungeheurer Entdeckerfreude. Sein Geist erinnerte mich immer an einen Maulwurf, der ständig gräbt… Seine Erscheinung war einzigartig; er zeigte nicht das typisch männliche Verhalten seiner Generation…“

Nicht wenigen gilt Benjamin „als Eigenbrötler, als sonderbarer Kauz und weltfremd“, sagt Wizisla. Begründet wird dieses (Vor)Urteil in der Regel mit dem lakonischen Verweis auf sein zum Teil schwer zugängliches Werk und seinem „Scheitern“ im wissenschaftlichen Betrieb. Und selbst ein Seelenverwandter wie Adorno vermisste bei Benjamin „menschliche Unmittelbarkeit und Wärme“. Dem gegenüber stehen solche Erinnerungen wie die von Charlotte Wolff, die uns einen völlig anderen Benjamin zeigen, einen, der bei Frauen und Männern gleichermaßen beliebt war, einen kommunikativen und zur echten Freundschaft begabten Menschen voller Esprit und Charme. Das gemischte Publikum im Salon nimmt solche anekdotischen Passagen dankend und in stiller Heiterkeit zur Kenntnis. Es ist dies eine leise, melancholische Heiterkeit, die auch die meisten der vorgetragenen Erinnerungen umweht.

Wie etwa die von Corinna Harfouch gelesenen Aufzeichnungen des jüdischen Schriftstellers und Leidensgenossen Soma Morgenstern, der von einem Mittagessen in Marseille berichtet, zu dem ihn Benjamin einst an einem milden, mediterranen Sommertag eingeladen hat. Kaum hätten beide in der Menükarte des Restaurants geblättert und etwas zum Trinken bestellt, habe ihn Benjamin mit ernster Miene gefragt, ob ihm, Morgenstern, denn nichts Besonderes aufgefallen sei. „Haben Sie denn nichts bemerkt?“, insistierte Benjamin und habe ihm dabei noch einmal die Speisekarte über den Tisch geschoben. „Haben Sie nicht bemerkt, wie das Gasthaus heißt?“ Morgenstern fühlte sich nach eigenem Bekunden der Frage schlechterdings nicht gewachsen und als Prüfling durchgefallen. „Erinnern Sie sich nicht, wer Arnoux heißt? Arnoux ist doch der Name von zwei Hauptfiguren in [Flauberts] >Éducation sentimentale<!“, erläuterte ihm daraufhin Benjamin in euphorischer Stimmung.

Erdmut Wizisla hat den einzelnen Kapiteln seines Erinnerungsbands dankenswerterweise stets einen erläuternden Kommentar vorangestellt. So erfährt etwa der Leser in den einleitenden Worten zu Blochs Text, dass dieser seine Erinnerungen 1965 für einen Radioessay beim Sender Freies Berlin zusammengestellt hat, zu dem er von Peter Szondi eingeladen wurde. Wizisla zufolge verfiel Bloch darin so ins eigene philosophische Fabulieren, dass es bei der Lektüre am Ende gar nicht einfach sei, zu unterscheiden, was denn nun eigentlich Blochs und was Benjamins Denken im Wesentlichen charakterisiere. „Da agierten zwei jüdische Doktoren des Marxismus, deren Denken messianisch geprägt ist. Grenzgänger zum Feuilleton mit einer Schwäche fürs Nebenbei und einem Hang zu Absonderlichen“. Diesen prägenden Hang zum scheinbar Absonderlichen und Besonderen, der ja vor allem in Benjamins kurzen Texten der „Einbahnstraße“ und in der unvollendeten Passagenarbeit immer wieder aufblitzt, beschreibt Bloch in seinen Erinnerungen anlässlich eines gemeinsamen Spaziergangs auf dem Kurfürstendamm. Dessen Frau Karola fragte den offensichtlich mit gesenktem Kopf und versonnen dahin wandelnden Benjamin, worüber er denn gerade nachdenke. Worauf dieser kurzerhand antwortete: >Gnädige, ist Ihnen schon einmal das kränkliche Aussehen der Marzipanfiguren aufgefallen?< Das nun allerdings sei eine typische Benjaminsche Fragestellung, so Bloch, die Benjamins mikrologisches Denken auf den Punkt bringe und dessen Philosophie, nach der die entscheidenden Schläge mit der linken Hand geführt würden, wie es in einem Denkbild der Einbahnstraße heißt. Oder in Blochs Worten: „Hier ist also die Achtung auf das Nebenbei von der Beobachtung und Theorie noch auf die Praxis ausgedehnt. Aber primär ist selbstverständlich die Beobachtung, bevor Praxis kommen kann, und so ging es vom Skurrilen hinauf oder besser hinein in eine unheimlich philosophische Detektivkunst.“


Müde der Verfolgung und das Ende einer Reise

Am 8. Oktober 1940 übermittelt der tief betroffene Wiesengrund-Adorno in einem Brief die Todesnachricht nach Jerusalem[7]: „Lieber Herr Scholem, Walter Benjamin hat sich das Leben genommen… Nach einer offenbar furchtbaren Fußreise und großen Schwierigkeiten…sind die Flüchtlinge in Port Bou eingetroffen. Dort wollte man sie nach Frankreich zurücktransportieren und sie erbaten sich eine Nachtruhe, die ihnen gewährt wurde. Während dieser Nacht hat Walter Morphium genommen. Am Abend des folgenden Tages ist er gestorben und am Mittwoch beerdigt worden… Ich bitte Sie inständig mir zu schreiben. Ich weiß überhaupt nicht, wie es nach dem Tod von Walter weitergehen soll…“. Und wenige Tage später schreibt Adorno an Scholem: „Es kann kein Zweifel daran sein, dass Walter, hätte er nur zwölf Stunden länger ausgehalten, gerettet worden wäre. Wir waren schon dabei, Wohnung für ihn zu suchen. Er war auch zum dauernden Mitglied des Instituts gemacht worden und wusste es… Walters Manuskripte scheinen in Sicherheit zu sein und wir machen alle Anstrengungen, sie hierher zu bekommen. Es ist selbstverständlich, dass von uns alles geschehen wird, um zu retten, was gerettet werden kann.“

Ein Jahr nach Benjamins Tod schreibt Hannah Arendt an Scholem: „New York, 17. Oktober 1941. Lieber Herr Scholem, Wiesengrund sagte mir, dass er ihnen einen ausführlichen Bericht über Benjamins Tod habe zugehen lassen. Ich habe selbst manche nicht unwichtige Einzelheiten erst hier erfahren… Wir haben, als wir vier Monate später in Port Bou ankamen, vergeblich sein Grab gesucht: es war nicht zu finden, nirgends stand sein Name. Der Friedhof geht auf die kleine Bucht, direkt auf das Mittelmeer; er ist in Terrassen in Stein gehauen; in solche Steinwälle werden auch die Särge geschoben. Es ist bei weitem eine der phantastischten und schönsten Stellen, die ich je in meinem Leben gesehen.“

Anlässlich des 100. Geburtstags schuf der israelische Künstler Dani Karavan in unmittelbarer Nähe des Friedhofs von Port Bou ein Denkmal zu Ehren Walter Benjamins. Eine Treppe führt den Besucher in Richtung Bucht durch einen Korridor aus Stahl, der über das offene Meer hinausragt. An seinem Ende ist dieser  von einer Glasplatte verschlossen, in der auf Deutsch ein Satz aus Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen eingraviert ist: „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.“

Viele Jahre hinweg hingen über dem Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer im Fedelhören die Abschriften zweier Gedichte Brechts. Corinna Harfouch wird sie zum Abschluss dieses eindrucksvollen Abends im Jüdischen Café vortragen.

Zum Freitod des Flüchtlings W. B.

Ich höre, dass du die Hand gegen dich erhoben hast
Dem Schlächter zuvorkommend.
Acht Jahre verbannt, den Aufstieg des Feindes beobachtend
Zuletzt an eine unüberschreitbare Grenze getrieben
Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten.
Reiche stürzen. Die Bandenführer
Schreiten daher wie Staatsmänner. Die Völker
Sieht man nicht mehr unter den Rüstungen.
So liegt die Zukunft in Finsternis, und die guten Kräfte
Sind schwach. All das sahst du
Als du den quälbaren Leib zerstörtest.

An Walter Benjamin, der sich auf der Flucht vor Hitler entleibte 

Ermattungstaktik war’s, was dir behagte
Am Schachtisch sitzend in des Birnbaums Schatten
Der Feind, der dich von deinen Büchern jagte
Lässt sich von unsereinem nicht ermatten.

Dann machen wir uns wortlos auf den Heimweg durch das nächtliche Grindelviertel. Am nächsten Tag scheint die Sonne in einem „empörend blauen Himmel“ (Andersch). Nach einem Spaziergang entlang der Außenalster entdecke ich im Hamburger Literaturhaus am Schwanenwijk einen großartig illustrierten und kommentierten Faksimilenachdruck der Erstausgabe von Benjamins Übertragungen der Tableaux Parisiens. Der Kreis schließt sich.

 

[1] Die jüdische Gemeinde in Hamburg hat heute rund 3.500 Mitglieder. Der Großteil von ihnen lebt im Grindelviertel.

[2] Begegnungen mit Benjamin. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Erdmut Wizisla. Leipzig 2015. Lehmstedt Verlag

[3] Ermut Wizisla lehrt an der Humboldt-Universität und leitet neben dem Bertolt-Brecht-Archiv seit 2004 auch das Walter Benjamin Archiv an der Akademie der Künste in Berlin.

[4] Ein guten Überblick über die umfangreiche Sekundärliteratur zu Benjamin geben die kommentierten Bibliographen von Momme Brodersen (1995) und Klaus-Gunther Wesseling (2003)

[5] Dora Sophie Benjamin (geb. 1890 in Wien) war die Tochter des Shakespeare-Spezialisten und Zionisten Leon Kellner. Walter und Dora Benjamin heirateten 1917. Die Ehe wurde nach 13 Jahren formal geschieden. Der 1918 geborene gemeinsame Sohn Stefan Rafael wuchs bei seiner Mutter auf.

[6] Benjamin war ein leidenschaftlicher Schachspieler. In Paris verabredete er sich regelmäßig mit der Fotografin Gisèle Freund zu einer Partie Schach in einem Café am Boulevard Saint-Germain. „Ein kleiner, schwarzer Kaffee genügte, um dort Stunden sitzen zu können. Benjamin war jedesmal schlechter Laune, wenn er ein Spiel verlor“, so Freund in ihren Erinnerungen. Der sehnsüchtig vermissten Schachpartnerin Hannah Arendt schrieb er einmal: „Meine Springer wiehern bereits vor Ungeduld, sich mit den Ihren herumzubeißen.“

[7]  Gershom Scholem hat zu dieser Zeit bereits eine Professur an der Hebräischen Universität in Jerusalem und unterrichtet dort u.a. jüdische Mystik.

Phantasmagorie und Wirklichkeit. Siegfried Kracauer.

Benjamins dialektische Bilder sind objektive Kristallisationen der geschichtlichen Bewegung. Sie sollten geschichtsphilosophisch die Phantasmagorie des neunzehnten Jahrhunderts als „Figur der Hölle“ (Adorno) enträtseln.

„Der Form des neuen Produktionsmittels, die im Anfang noch von der des alten beherrscht wird (Marx), entsprechen im Kollektivbewusstsein Bilder, in denen das Neue sich mit dem Alten durchdringt. Diese Bilder sind Wunschbilder, und in ihnen sucht das Kollektiv die Unfertigkeit des gesellschaftlichen Produkts sowie die Mängel der gesellschaftlichen Produktionsordnung sowohl aufzuheben wie zu verklären. Daneben tritt in diesen Wunschbildern das nachdrückliche Streben hervor, sich gegen das Veraltete — das heißt aber: gegen das Jüngstvergangene — abzusetzen. Diese Tendenzen weisen die Bildphantasie, die von dem Neuen ihren Anstoß erhielt, an das Urvergangene zurück. In dem Traum, in der jeder Epoche die ihr folgende in Bildern vor Augen tritt, erscheint die letztere vermählt mit Elementen der Urgeschichte, das heißt einer klassenlosen Gesellschaft. Deren Erfahrungen, welche im Unbewussten des Kollektivs ihr Depot haben, erzeugen in Durchdringung mit dem Neuen die Utopie, die in tausend Konfigurationen des Lebens, von den dauernden Bauten bis zu den flüchtigen Moden, ihre Spur hinterlassen.“ (PW, 46f)

Wie Benjamin in der Passagenarbeit intendierte auch Siegfried Kracauer mit seiner in der Emigration geschriebenen Studie zu Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit (1937) eine Art Natur- und Entstehungsgeschichte der Moderne, in deren Zentrum er – gleichsam als Modell der kapitalistischen Warengesellschaft – die französische Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts stellte. Es handelt sich dabei also keineswegs, wie es der Titel auf den ersten Blick evozieren mag, um die Privatbiographie des Operettenkomponisten Offenbach, als vielmehr um den anspruchsvollen Versuch, an dessen exemplarischen Lebensweg eine genuine Gesellschaftsbiographie des 19. Jahrhunderts zu entfalten.

Zu diesem Zweck verknüpft Kracauer drei Themenstränge. Zunächst untersucht er die Entstehung und historische Entwicklung der französischen bürgerlichen Republik, analysiert dann in einem zweiten Schritt die gesellschaftliche Funktion der Operetten Offenbachs als „Phantasmagorien“ des Zeiten Kaiserreichs (Second Empire) und webt schließlich darin die einmalige Individualität Jaques Offenbachs ein – des Musikers, Einzelgängers und Außenseiters.

Kracauer schildert in seiner Offenbach-Studie die traurige Wirklichkeit der Monarchie unter dem von der Finanzbourgeoisie eingesetzten „Bürgerkönig“ Louis-Philippe bis zu dessen Sturz in der Februarrevolution 1848 sowie die Zeit danach unter der Diktatur Louis Bonapartes (Napoleon III.). Die bürgerliche Republik analysiert Kracauer als eine Epoche des Scheiterns der unterdrückten Klassen in deren Streben nach Freiheit und Brüderlichkeit. Wenn es noch in den ersten Monaten nach der Revolution von 1848 den Anschein hatte, als habe sich der Traum von der Republik endlich erfüllt, folgte die Ernüchterung der Arbeiter allzu rasch. Schon sehr bald nämlich sollte sich zeigen, „dass die mit Hilfe des Proletariats gegründete Republik eine rein bürgerliche Republik war, deren Interessen denen des Proletariats schroff entgegenstanden“. (Kracauer, 1937, 111) Noch im Juni desselben Jahres kommt es daher zum Aufstand der Pariser Arbeiter. Der damalige Kriegsminister Eugène Cavaignac erhält die diktatorische Vollmacht zu dessen Niederschlagung. In der Folge lässt er ein Massaker anrichten, bei dem nahezu zehntausend Aufständische getötet werden. Die erkämpfte bürgerliche Republik erweist sich so für das Proletariat als Pyrrhussieg. Nicht nur waren die Interessen der Bourgeoisie von Beginn an andere als die der Arbeiter, es offenbarte sich zudem, dass die bürgerlichen Mächte mit denen der Reaktion praktisch identisch geblieben waren.

Aus der historischen Analyse ergibt sich für Kracauer die Erkenntnis, dass das Zweite Kaiserreich eine aus Angst und Flucht entstandene operettenhafte Farce darstellte. In einem Brief an Adorno konkretisiert er seinen Begriff der Phantasmagorie als bestimmendes Merkmal des Second Empire.

„So bezeichnet Wirklichkeit legitimerweise bei mir die geschichtlich fällige Republik, und aus diesem Ansatz wiederum kommt folgerichtig der auf das Zweite Kaiserreich hinzielende Begriff der Phantasmagorie.“ (Kracauer, 1990b, 62)

Die Phantasmagorie des Second Empire zeigt sich in der Operettenhaftigkeit seiner sozialen Wirklichkeit. In intensiven Bildern zeichnet Kracauer die unrühmliche Rolle der Bourgeoisie in der Revolution von 1848. Indem das Bürgertum für den angeblich starken Mann Louis Napoleon eingetreten sei, habe es endgültig die Ideale der Republik verraten. Um die Realität zu verdrängen, musste man „den Taumel verewigen, die Nation so in Atem halten, dass sie gar nicht zur Besinnung gelangen konnte. Daher Freude und Glanz. Die Freude sollte berauschen, der Glanz sollte verblenden“. (Kracauer, 1937, 129)

Die Operette konnte also vor allem deshalb entstehen, weil die Gesellschaft, in der sie entstand, selbst operettenhaft war. Insofern muss sie als ein soziales Phänomen begriffen werden. Ihr Triumph – und damit auch Offenbachs Aufstieg – sei, so Kracauer, an vier soziale Faktoren gebunden: an den Bestand der Diktatur, an die Herrschaft des Finanzkapitals, an den Durchbruch der internationalen Wirtschaft sowie an den Boulevard und der dort beheimateten Bohème. Offenbachs Operetten spiegeln so die Phantasmagorie einer ganzen Epoche. „Sie halten dem Zweiten Kaiserreich den Spiegel vor und halfen es zugleich zu sprengen.“ (Kracauer, 1937, 184) Die Aktualität und bedeutung der Studie über Offenbach begründet sich darin, dass sie perspektivisch den Blick auf die kapitalistische Moderne freizulegen vermag, indem sie deren Ursprung analysiert.

„Diese Gesellschaft ist nicht nur deshalb die unmittelbare Vorläuferin der modernen, weil sich in ihr die Geburt der Weltwirtschaft und der bürgerlichen Republik vollzieht, sie ist es auch insofern, als sie auf den verschiedensten Gebieten Motive anschlägt, die sich heute noch fortbehaupten.“ (Kracauer, 1937, 9)

Ähnlich wie Benjamin in seinem Passagenprojekt, entschlüsselt auch Kracauer die kapitalistische Moderne als ein Zeitalter, welches wesentlich von zwei Faktoren beherrscht ist. Da ist zunächst die Determiniertheit der bürgerlichen Gesellschaft durch den entfremdenden Warenfetisch, dessen Charakter auf die dialektische Durchdringung der gesamten Gesellschaft mit den Parametern der kapitalistischen Produktionsweise zielt. Als zweiten beherrschenden Faktor betrachten sie die Phantasmagorien und falschen Traumbilder des modernen Menschen, die „nicht nur Besinnung kommen lassen“ und letztlich den Fortbestand des gegebenen Zustands sichern. Beide Faktoren schlagen sich bis in die feinsten Verästelungen des sozialen Lebens nieder und sind deshalb prägende Merkmale der Moderne. Insofern ist es kein Zufall, dass sowohl in den Arbeiten Benjamins als auch Kracauers, seien sie nun eher literarisch-ästhetischen, seien sie eher wissenschaftlichen Ursprungs, im Mittelpunkt der materiale versuch steht, die verborgenen Mechanismen und Triebkräfte der modernen Warengesellschaft sichtbar werden zu lassen.

Wenn sich aber die Affinitäten nicht allein auf das Gebiet der erkenntnistheoretischen Grundannahmen beschränken, wenn sich in der konkreten textualen Umsetzung oftmals geradezu erstaunliche methodische Parallelen offenbaren, liegt die Vermutung nahe, dass diese Gemeinsamkeiten – möglicherweise – ihre Ursache in der Wesenheit des „Stoffs“ haben; der Inhalt schafft sich gleichsam seine ihm gemäße Form.

Tatsächlich scheinen die gemeinsamen Momente das Resultat eines dialektisch vermittelten Interesses an den „unscheinbaren“ gesellschaftlichen Oberflächenphänomenen und deren immanenten Widersprüchen. Vor allem dieser Aspekt erhellt die geistige Wahlverwandtschaft zwischen Benjamin und Kracauer, nährt sich doch ihr Arbeits- und Erkenntnisprozess von den gleichen Quellen. Ihr Rohmaterial sind die Bruchstücke und Epheme der Erscheinungswelt, die von der tradierten Geschichtsbetrachtung gemeinhin außer Acht gelassen werden. Mit der leidenschaftlichen Ausdauer des echten Sammlers der nach fehlenden Objekten seiner Sammlung forscht, richten sie ihren suchenden Blick bewusst auf jene „unscheinbaren“, randständigen, „von der Zeit“ und den flüchtigen Moden bestimmten kulturellen und gesellschaftlichen Phänomene, für die sich keine wissenschaftliche Disziplin zuständig weiß. Die Allegorie des Historikers als Spurensammler, welche erstmals im Exposé des Passagenwerks entworfen wird, findet in Benjamin und Kracauer ihre leibhaftige Entsprechung. Freilich auch die Figur des Lumpensammlers. In einer Rezension zu Kracauers Studie Die Angestellten von 1929 zeichnet Benjamin in vortrefflicher Weise ein Bild des Freundes, das gleichsam auch ein Selbstporträt sein könnte.

„Ein(en) Lumpensammler frühe im Morgengrauen, der mit seinem Stock die Redelumpen und Sprachfetzen aufsticht, um sie murrend und störrisch, ein wenig versoffen, in seinen Karren zu werfen, nicht ohne ab und zu einen oder den anderen dieser ausgeblichenen Kattune »Menschentum«, »Innerlichkeit«, »Vertiefung« spöttisch im Morgenwinde flattern zu lassen. Ein Lumpensammler, frühe – im Morgengrauen des Revolutionstages.“ (GS III, 225)

In den Denkbildern der Einbahnstraße hat Benjamin erstmals konsequent die Methode der literarischen Montage verwendet, um die „Sachen selbst“ zum Sprechen zu bringen. Im Passagenkonvolut schließlich wird der Lumpensammler zur tragenden Figur, welche den „dialektischen“ Übergang vom Mythos zur Geschichte, von der Vergangenheit zur Gegenwart markiert.

„Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen. Ich werde nichts Wertvolles entwenden und mir keine geistvollen Formulierungen aneignen. Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren sondern sie auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden.“ (PW, 574)

Was Benjamin hier als den „Abfall der Geschichte“ bezeichnet, hat sein Gegenstück dort, was Freud als den „Abhub der Erscheinungswelt“ diagnostizierte. Der „Abhub“ nun, dem der materialistische Lumpensammler in der Intention Benjamins nachspürt, ist der Stoff, aus dem die „kollektiven Träume gewebt“ sind. Als Lumpensammler hebt der Historiker die verlorenen Reste auf und entwickelt dabei eine „dialektische List“, die sich nicht mehr hinter dem Rücken der Menschen versteckt.

Eine eigenständige Untersuchung zu den geschichtsphilosophischen Implikationen im Werk Kracauers steht noch immer aus.[1] Sie erst wäre in der Lage, die hier behauptete Nähe zu Benjamins Denken, insbesondere zu dessen Thesen über den Begriff der Geschichte näher zu beleuchten. Indem Kracauer die Erscheinungen der Oberfläche in seinen physiognomischen Essays als historische Chiffren zu entziffern sucht, erhebt er sie zu einem zentralen Bestimmungsmerkmal innerhalb seiner Theoriebildung. In seinem erstmals 1927 in der Frankfurter Zeitung veröffentlichten Essay Das Ornament der Masse schreibt Kracauer.

„Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozess einnimmt, ist aus der Analyse ihrer unscheinbaren Oberflächenäußerungen schlagender zu bestimmen als aus den Urteilen der Epoche über sich selbst. Diese sind als der Ausdruck von Zeittendenzen kein bündiges Zeugnis für die Gesamtverfassung der Zeit. Jene gewähren ihrer Unbewusstheit wegen einen unmittelbaren Zugang zu dem Grundgehalt des Bestehenden. An seine Erkenntnis ist umgekehrt ihre Deutung geknüpft. Der Grundgehalt einer Epoche und ihre unbeachteten Regungen erhellen sich wechselseitig.“ (Kracauer, 1927, 50)

Eine nähere Analyse dieser einleitenden Passage des Essays vermag mehr von Kracauers geschichtsphilosophischen Intentionen zu enthüllen als es auf den ersten Blick erscheint: Enthält doch die „methodische Reflexion“ dieser wenigen Sätze nichts Geringeres als ein soziologisches Programm. Kracauers Interesse, so erfahren wir, gilt nicht der phänomenalen Welt schlechthin, sondern dezidiert jenen „unscheinbaren“, unbeachteten Äußerungen, welche gemeinhin durch die Maschen der Systeme fallen und sich so einer kategorialen Fixierung entziehen. Ein solches Verfahren geht von der Annahme aus, dass in eben diesen Phänomenen, sozusagen als materiale Hieroglyphe verschlüsselt, das wahre Sein der Gesellschaft zum Ausdruck kommt, welches nicht durch interessiertes Bewusstsein (Ideologie) verhüllt ist. Im Gegensatz nämlich zu den Selbstdarstellungen einer Epoche sind deren flüchtige „Oberflächenäußerungen“ absichtslos und somit unzensiert. Wo es dem Spurenleser der Moderne gelingt, sie zu entziffern, vermag sich ihm der „Grundgehalt des Bestehenden“ ohne ideologische Verzerrung, ohne die „störende Dazwischenkunst des Bewusstseins“ und insofern „unmittelbar“ darzustellen.

Nun ist freilich die traditionelle Ideologiekritik in diesem „phänomenologischen“ Verfahren keineswegs suspendiert, wie vielleicht zunächst vermutet werden könnte. Im Gegenteil. Erkennbar wird dies, wenn wir uns die ursprüngliche Bedeutung der Metapher „Oberfläche“ näher betrachten. Als Gesamtheit aller Flächen eines Körpers, die diesen von außen begrenzen, bleibt sie dem Wesen im wahrsten Sinn äußerlich. Schein ist so das Wesen der Oberfläche. Dieser Gedanke bringt uns der dialektischen Bewegung im Verfahren Kracauers näher. Die Oberfläche symbolisiert Negativität im produktivem Sinn und ist Kategorien verwandt, welche in Kracauers frühen Schriften als „Wesensmerkmale“ der kapitalistischen Moderne gelten: ihre „Unwirklichkeit“ und „Leere“, ihre Betonung des Äußerlichen und Profanen. Wenn seine Essays also die Bewusstmachung der unbewussten Oberfläche in das Zentrum rücken, wird damit stets zweierlei intendiert: Aufklärung und rettender Eingriff. Aufklärung zunächst, welche am unerwarteten Ort einzusetzen hat und die gleichsam die „stumme Außenseite der Welt“ zum Sprechen bringen möchte, indem sie deren Wert als Chiffre historischer Erkenntnis festschreibt. Rettender Eingriff in die Wirklichkeit insofern, als ihre unscheinbaren Phänomene dem bewusstlosen Vergessen entrissen werden sollen, dem sie in der kapitalistischen Moderne anheimzufallen drohen. Freilich erst das allegorische Vermögen des Betrachters vermag den Schein der Oberfläche zu zertrümmern und eröffnet so den Blick auf das wahre Wesen der Dinge.

 

[1] Die Feststellung des Desideratums einer eigenständigen Untersuchung zu den geschichtsphilosophischen Implikationen soll keineswegs die Leistungen der jüngeren Kracauer-Forschung schmälern. So möchte ich an dieser Stelle vor allem den 1990 von Kessler und Levin herausgegeben Sammelband Siegfried Kracauer. Neue Interpretationen verweisen (erschienen im Stauffenberg Verlag Tübingen). Weitere wichtige Studien liegen außerdem von Inka Mülder-Bach, der Herausgeberin der Schriften Kracauers und Eckhardt Köhn vor.

Nachruf: Bremer Feminismusforscherin Marlis Krüger gestorben

Am 8. September ist die „Weltbürgerin“ und bedeutende Feministin Marlis Krüger in Bremen gestorben. Nach einer längeren Forschungstätigkeit in New York gehörte sie zu den „Gründungsmüttern“ der Universität Bremen und lehrte dort seit Juni 1972 – unterbro­chen durch zahlreiche Lehr- und Forschungsaufenthalte in den USA.

Marlis Krüger machte sich durch ihre gesellschaftstheoreti­schen, wissenschaftskritischen und feministischen Untersuchungen einen Namen in der internationalen Fachwelt. In Bremen begründete und forcierte sie als langjährige Sprecherin der wissenschaftlichen Einheit Frauenforschung den feministi­schen Diskurs. Der überzeugten Wissenssoziologin und Schülerin Karl Mannheims ge­lang es, international renommierte Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet „Frauen und Naturwissen­schaften“ als Gastdozentinnen zu verpflichten und damit ein Thema zu bearbeiten, das sie 1988 im Auf­trag des Akademischen Senats durch ein Expertinnen­hearing in der BRD zum ersten Mal einer akademischen Öffentlichkeit vermittelt hatte. Mitte der 90er Jahre rief sie das interdisziplinäre Doktorandinnenkolleg „Erkennt­nisprojekt Feminismus“ ins Leben, das sie vier Jahre lang leitete.

Alle, die sie persönlich kannten, werden sie als herausragende Lehrerin und gute Freundin in Erinnerung behalten.

Zum Tod des Stadtsoziologen Hartmut Häußermann

Der Kampf gegen die soziale Spaltung war sein Thema.

„Selten kommt es vor, dass eine wissenschaftliche Disziplin so stark von einer einzigen Persönlichkeit geprägt wird, wie es in der deutschen Stadtsoziologie der letzten Jahrzehnte durch Hartmut Häußermann geschah“, heißt es in einem Zeitungsnachruf. Und in der Tat galt der 1943 im beschaulichen Waiblingen geborene Wissenschaftler – der das Idiom seiner schwäbischen Heimat bis zu seinem viel zu frühen Tod niemals ganz abgelegt hat – als der wohl bedeutendste Vertreter seiner Disziplin, der mit seinen theoretischen Arbeiten und mitreißenden Vorlesungen Generationen von Stadtsoziologen prägte. „Sein Tod ist ein großer Verlust für die Wissenschaft – und für Berlin“, sagt deshalb auch Talja Blokland, die nach Häußermanns Emeritierung vor drei Jahren den Lehrstuhl am Berliner Institut für Soziologie übernommen hat.

Mit seinem unermüdlichen Engagement hat Hartmut Häußermann die stadtpolitischen Diskussionen über Jahrzehnte wie kein anderer mitgestaltet und dabei deutlich gemacht, dass Stadtentwicklung niemals von sozialen Fragen losgelöst betrachtet werden kann. „Über die Bildungsprobleme von Risikogruppen in problematischen Stadtvierteln konnte er so deutlich reden wie über die Gentrifizierung der Stadt, und zwar beobachtend, aber auch in der Rolle des sozialwissenschaftlich informierten Intellektuellen, der seine Verantwortung in der Öffentlichkeit wahrnimmt. Ich werde ihn sehr vermissen“, sagt Häußermanns langjähriger Dekanskollege Heinz-Elmar Tenorth. Als Berliner AStA-Vorsitzender gehörte Häußermann zu den führenden politischen Köpfen der 68-Generation und ist dabei seinen Idealen bis zuletzt treu geblieben. Unermüdlich bekämpfte er mit seinen Mitteln die Auswirkungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ausgrenzung der Prekarisierten und die soziale Spaltung der Stadt.

In seinen umfangreichen Forschungsarbeiten, Büchern und Artikeln hat Hartmut Häußermann mit soziologischer Weitsicht die Stadtentwicklung verfolgt und das Verständnis von Integration, Segregation, städtischen Schrumpfungsprozessen und Gentrifizierung geschärft. 1998 war er im Auftrag des Berliner Senats maßgeblich an einer Untersuchung über die sozialräumliche Entwicklung der Stadt Berlin beteiligt, in der die Einführung eines „Quartiersmanagements“ vorgeschlagen wurde. Der Berliner Senat folgte dieser Empfehlung als Antwort auf die wachsende soziale Polarisierung des städtischen Raums, die die Gefahr der Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen beinhaltet. Er selbst hat während der Jahre seiner Professur an der Humboldt-Universität am Prenzlauer Berg gelebt, und blieb auch dann, als das Quartier rund um den Berliner Kollwitzplatz längst zum Synonym für eine maßlose Gentrifizierung geworden war.

Am 31. Oktober ist Hartmut Häußermann nach schwerer Krankheit gestorben. Ich schließe mich Andrej Holms Worten an: Hartmut Häußermann wird uns fehlen – in den wissenschaftlichen Diskussionen, in den stadtpolitischen Debatten und als Mensch.

Manfred Steglich

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Hartmut Häußermann studierte von 1964 bis 1970 an der FU Berlin, 1975 folgte die Promotion bei Urs Jaeggi. Er arbeitete zunächst als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin, hatte ab 1978 15 Jahre lang den Lehrstuhl für Stadt- und Regionalsoziologie an der Universität Bremen inne, bis er 1993 schließlich an die Humboldt-Universität zu Berlin berufen wurde, wo er bis zu seiner Emeritierung 2008 Regionalsoziologie lehrte.

Quelle: http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/zurueck/presse/artikel/der-kampf-gegen-die-soziale-spaltung-war-sein-thema-zum-tod-des-stadtsoziologen-hartmut-haeusserma/

Anfang und Ende

Am 31. Januar 2010 verstarb die Bremer Soziologin Michaela von Freyhold. Ein Nachruf.

Vor einigen Tagen ist der kleine A. geboren worden. Über die Geburt ihres Enkels freuen sich Großeltern in einer norddeutschen und in einer kurdisch-türkischen Stadt, denn A. ist das Kind einer jungen Deutschen und ihres kurdischen Freundes, der jetzt seit fast neun Jahren als Flüchtling in Bremen lebt. Wie immer, wenn ein Kind geboren wird, beginnt die Welt noch einmal von neuem, und mit der Welt die Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Als A´s Mutter in einem Krankenhaus im Bremer Westen auf die Geburt ihres ersten Kindes wartete, starb in einem anderen Bremer Krankenhaus die emeritierte Hochschullehrerin Michaela v. Freyhold im Alter von 69 Jahren. Michaela war eine kluge und gütige Frau, deren viel zu früher Tod allen nahegeht, die sie gekannt haben. Und wie immer, wenn ein Mensch stirbt, geht mit diesem Tod die Welt zu Ende.

Ich erinnere mich noch gut an das Gespräch in der schäbigen Cafeteria der Bremer Universität, in dem Michaela mir von ihrem Engagement für westafrikanische Flüchtlinge erzählte. Das war etwa anderthalb Jahre, nachdem die Grundgesetzänderung in Kraft getreten war, die es Flüchtlingen faktisch unmöglich machte, in Deutschland Zuflucht zu finden. Alleinstehende männliche Flüchtlinge waren damals auf einem Containerschiff im Bremer Industriehafen untergebracht, dem “Hotelschiff Embrica Marcel”. Die deutsche Politik erhoffte sich von der Kasernierung, dass “die Buschtrommeln in Afrika signalisieren: kommt nicht nach Deutschland, dort müsst ihr ins Lager“, wie Lothar Späth es formulierte.

Michaela fand dies unerträglich. Gemeinsam mit einigen anderen Bremerinnen und Bremern gründete sie die „Bremer Flüchtlingsinitiative“, die sich zum Ziel setzte, die Rechte dieser schutzlosen und von Medien und Politikern verleumdeten Menschen zu verteidigen. Das Vereinsbüro in der Schildstraße wurde zum Anlaufpunkt für Asylsuchende aus aller Welt. Wenn ich heute im Bremer Westen spazierengehe, treffe ich fast täglich auf Menschen, die sich dankbar an „Mikaela“ erinnern, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, als sie sich von Gott und der Welt verlassen glaubten.

Die Welt ist kälter geworden ohne sie.

„Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.”
(AT, Buch Daniel 12,3 in Luthers Übersetzung)

(Udo Casper)

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Michaela von Freyhold, geboren  am 20. August 1940, studierte von 1959 bis 1965 Soziologie in Frankfurt und Wien. Ihre Diplomarbeit „Theoretische Voraussetzungen des empirischen Studiums sozialer Vorurteile“ wurde 1964 angenommen. Von 1965 bis 1968 arbeitete sie am Frankfurter Institut für Sozialforschung, danach bis 1970 als Dozentin für Soziologie an der Universität Dar es Salaam, Tansania. Ihre Doktorarbeit „Autoritarismus  und politische Apathie“ ist 1971 in den von Adorno und Friedeburg herausgegebenen Beiträgen zur Soziologie veröffentlicht worden. Von 1979 bis zu ihrer Emeritierung war sie Professorin für Soziologie an der Universität Bremen mit dem Schwerpunkt Entwicklungssoziologie.
Dass Michaela, die Expertin für Autoritarismus, sich auch persönlich nicht von „Autoritäten“ einschüchtern ließ, belegt dieses Zitat Adornos über seine „Schülerin“: „Ob ich sie weiter behalten kann, ist noch unsicher, zumal ich mich zuletzt über ihre Frechheit, die in direkter Proportion zu ihrer leisen Stimme steht, sehr geärgert habe… Andererseits ist und bleibt sie hochbegabt.“ Adorno in einem Brief an Lotte Tobisch

Nun ist ihre Stimme für immer verstummt. In allen, die sie kannten und schätzten, wird sie dennoch fortleben.

(Manfred Steglich)

Die Trauerfeier findet am Samstag, den 13. Februar, um 11.30 im Bestattungsinstitut  Bohlken und Engelhardt, Friedhofstraße 16 in Bremen-Riensberg statt.