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Alfred Sohn-Rethels Texte aus der „Höhle des Löwen“

Die Abschaffung des Kapitalismus ist eine Sache der Eigentumsverhältnisse, aber der Aufbau des Sozialismus betrifft das Verhältnis von Hand und Kopf, die Substanz von Gesellschaft und Menschsein. (Alfred Sohn-Rethel)

Der kleine Freiburger ça ira Verlag hat sich dankenswerterweise der sicherlich nicht ganz einfachen und schon gar nicht lukrativen Aufgabe angenommen, Alfred Sohn-Rethels Schriften in einer – von Carl Freytag und Oliver Schlaudt vorzüglich edierten –  Werkausgabe herauszugeben. Nach dem 2012 erschienenen ersten Band, der die frühen Schriften Sohn-Rethels dokumentiert, so u.a. seine Dissertation „Von der Analytik des Wirtschaftens“, folgt nun zum Jahresbeginn 2016 der zweite Band. [1] Dieser enthält schwerpunktmäßig die von Sohn-Rethel für den Mitteleuropäischen Wirtschaftstag (MWT) erarbeiteten Analysen, die vor allem im Deutschen Volkswirt und den sogenannten Deutschen Führerbriefen [2] veröffentlicht wurden sowie seine nicht-öffentlichen Aufzeichnungen und Kommentare. Ergänzt wird das Buch durch Publikationen aus der Nachkriegszeit, die sich der Wirtschaftspolitik im Nazifaschismus widmen und einer beigelegten DVD mit dem Film „Zwischen den Kriegen“ des 2014 verstorbenen Autors und Filmemachers Harun Farocki.

Nach einem durch eine Lungenkrankheit erzwungenen zweijährigen Kuraufaufenthalt in Davos waren Sohn-Rethels Bemühungen um eine akademische Karriere Ende der 20er Jahre ins Stocken geraten. So scheiterte zunächst sein Vorhaben, sich bei Emil Lederer zu habilitieren, bei dem er bereits 1928 in Heidelberg über die Grenznutzentheorie Joseph Schumpeters promoviert hatte. Und auch seine Hoffnung, irgendwie am Frankfurter Institut für Sozialforschung unterzukommen, blieb letztlich unerfüllt. Schließlich vermittelte ihm 1931 sein Pflegevater, der Düsseldorfer Stahlindustrielle und Großunternehmer Ernst Poensgen, eine wissenschaftliche Hilfskraftstelle im Mitteleuropäischen Wirtschaftstag (MWT), einem informellen Interessenverband der wirtschaftlich führenden Unternehmen, Banken und Verbände in Deutschland. In seinem kleinen Büro am Berliner Landwehrkanal erhielt der marxistische „Agent“ Sohn-Rethel so die einmalige Chance, die Strategien und Arbeitsweisen des Großkapitals nicht nur aus der Binnensicht kennenzulernen, sondern auch mit dem entsprechenden Handwerkszeug des Marxisten zu analysieren und für die linke Opposition der Weimarer Republik fruchtbar zu machen. Freilich sollte Alfred Sohn-Rethel erst vierzig Jahre später die Gelegenheit erhalten, seine damaligen Aufzeichnungen unter dem Titel „Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus“ [3] zu publizieren. Sie stehen in der Fassung der revidierten und erweiterten Ausgabe von 1992 unter dem Titel „Industrie und Nationalsozialismus“ im Zentrum des vorliegenden zweiten Bands der Werkausgabe.

Wie Carl Freytag in seinem überaus fakten- und kenntnisreichen Vorwort ausführt, war für Sohn-Rethels Arbeit in der „Höhle des Löwen“ (Stephan Berkholz) eine gehörige Portion Mut und Camouflage notwendig. So musste Sohn-Rethel in seinen Beiträgen in den Deutschen Führerbriefen und im Deutschen Volkswirt „naturgemäß die jeweils geltenden Sprachregelungen einhalten, seinen eigenen marxistischen Standpunkt verbergen und den Vorgaben der MWT-Politik folgen, deren oberstes Ziel die Stärkung des Privatkapitals und die Förderung seiner Stellung im geregelten Kapitalismus war.“ Mit anderen Worten: Die Taktik bestand darin, die Pläne und Gedanken der herrschenden Klasse in der Sprache des Kapitals, aber mit dem Instrumentarium des kritischen Marxisten offenzulegen. Wie Sohn-Rethel dies gelang und wie er seine Doppelexistenz zu nutzen wusste, um der Linken entsprechende marxistische Analysen aus dem Strategiezentrum des Kapitals zu vermitteln, zeigt exemplarisch sein im Band dokumentierter, zweiteiliger Artikel über „Die soziale Rekonsolidierung des deutschen Kapitalismus“ in den Deutschen Führerbriefen. Darin entwickelt er – vom vermeintlichen Standpunkt des Kapitals aus – eine glasklare, marxistische Klassenanalyse des aufkommenden NS-Regimes. Wenn Sohn-Rethel etwa die Spaltung der Arbeiterklasse als „notwendige Vorbedingung“ des deutschen Nazifaschismus analysiert, lässt sich daraus ebenso die Notwendigkeit des Aufbaus einer Volksfront gegen den NS-Faschismus und die hohe Bedeutung der Geschlossenheit der Arbeiterbewegung herauslesen. „Die notwendige Bedingung jeder sozialen Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft, die in Deutschland seit dem Kriege möglich ist, ist die Spaltung der Arbeiterschaft. Jede geschlossene, von unten hervorwachsende Arbeiterbewegung müsste revolutionär sein, und gegen sie wäre diese Herrschaft dauernd nicht zu halten, auch nicht mit den Mitteln der militärischen Gewalt.“ (ASR, S. 61)

Sohn-Rethel zufolge unterscheiden sich nun auf der gemeinsamen Basis dieser notwendigen Voraussetzung die verschiedenen Systeme der bürgerlichen Konsolidierung nach den Bedingungen, die hinzukommen müssen, um den Staat und das Bürgertum bis in breite Schichten der gespaltenen Arbeiterklasse hinein zu verankern. Für die Konsolidierungsphase zwischen 1924 und 1930 benennt er vor allem die von der Arbeiterbewegung und den Gewerkschaften erkämpften lohn- und sozialpolitischen Errungenschaften. Diese wurden von der deutschen Sozialdemokratie dazu genutzt, den „revolutionären Ansturm“ der Arbeiterklasse in einer Art Schleusenmechanismus zu kanalisieren und damit die Spaltung des beschäftigten und fest organisierten Teils der Arbeiterkasse einerseits und des zunehmend verarmenden und erwerbslosen Teils andererseits noch zu vertiefen.

Dabei verlaufe die politische Grenze zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus fast genau auf der sozialen und wirtschaftlichen Linie dieses Schleusendamms. „Da zudem aber die sozialdemokratische Ummünzung der Revolution in Sozialpolitik zusammenfiel mit der Verlegung des Kampfes aus den Betrieben und von der Strasse in das Parlament, die Ministerien und die Kanzleien, d.h. mit der Verwandlung des Kampfes »von unten« in die Sicherung »von oben«, waren fortan Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbürokratie, mithin aber auch der gesamte von ihnen geführte Teil der Arbeiterschaft mit Haut und Haaren an den bürgerlichen Staat und ihre Machtbeteiligung an ihm gekettet, und zwar solange, als erstens auch nur noch das Geringste von jenen Errungenschaften auf diesem Wege zu verteidigen übrig bleibt und als zweitens die Arbeiterschaft ihrer Führung folgt.“ (ASR, S. 61)

Aus dieser grundlegenden Analyse ergeben sich für Sohn-Rethel vier wichtige Schlussfolgerungen:
„1. Die Politik des »kleineren Übels« ist nicht eine Taktik, sie ist die politische Substanz der Sozialdemokratie. 2. Die Bindung der Gewerkschaftsbürokratie an den staatlichen Weg »von oben« ist zwingender als ihre Bindung … an die Sozialdemokratie und gilt gegenüber jedem bürgerlichen Staat, der sie einbeziehen will. 3. Die Bindung der Gewerkschaftsbürokratie an die Sozialdemokratie steht und fällt politisch mit dem Parlamentarismus. 4. Die Möglichkeit einer liberalen Sozialverfassung des Monopolkapitalismus ist bedingt durch das Vorhandensein eines automatischen Spaltungsmechanismus der Arbeiterschaft.“ (ASR, S. 61 f)

Nach der Lektüre des Rekonsolidierungsartikels wird nachvollziehbar, dass Sohn-Rethels anonym verfasster Text rasch die Runde machte und bereits kurze Zeit später von Willi Münzenberg im Roten Aufbau veröffentlicht und entsprechend kommentiert wurde und warum die im Beitrag entwickelten Erkenntnisse wesentlich in die theoretischen Diskussionen und Strategiepapiere der KPD zu den Reichstagswahlen am 6. November 1932 eingeflossen sind. Wie sehr sich Sohn-Rethel und seine junge Familie indes mit solch subversiven, doppelbödigen Artikeln in Gefahr brachte, war ihm zwar bewusst, nahm er aber bis zu seiner Emigration 1936 offensichtlich billigend in Kauf: „Die Chance, als unerkannter Marxist in eines der inneren Aktionszentren des Finanzkapitals zu gelangen, an einen zentralen Punkt des Umschlags von ökonomischen Interessen und politischen Entscheidungen, und noch dazu an einem solchen Knotenpunkt der Entwicklung, ergibt sich nur äußerst selten und kann dann sehr wertvoll sein, sowohl theoretisch wie praktisch. Ich hätte daher die Position, in der ich mich damals befand, wegen der ungewöhnlichen Möglichkeit des Einblicks, den sie bot, niemals verlassen.“ (ASR) Tatsächlich wurde Sohn-Rethel dann allerdings aus ganz anderen Gründen als Mitarbeiter des MWT untragbar. Aus Sicherheitsgründen formell bei seiner Mutter in der Neckarstraße in Berlin gemeldet, wohnte er in dieser Zeit aber in der berüchtigten „roten Künstlerkolonie“ am ehemaligen Laubenheimer Platz, einer Siedlung, in der vorwiegend der KPD und SPD nahestehende Intellektuelle und Künstler lebten. [4] Bei einer Großrazzia im März 1933 wurde auch Sohn-Rethel festgenommen und nur aufgrund seiner Tätigkeit als Mitarbeiter des MWT nach einigen Tagen wieder aus der Haft entlassen. Damit war sein offizielles Angestelltenverhältnis beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag erledigt, er blieb aber weiterhin dessen freier Mitarbeiter und fand wenig später „eine weniger exponierte Anstellung beim Deutschen Orient Verein, einem „Ableger“ des MWT. Ausschlaggebend für seine 1936 erfolgte Emigration in die Schweiz, später nach Frankreich und England, war Sohn-Rethel zufolge letztlich „die drohende Verhaftung durch die Gestapo“.

Gemeinsam mit Sohn-Rethels 1992 bei Wagenbach veröffentlichten Buch „Industrie und Nationalsozialismus. Aufzeichnungen aus dem Mitteleuropäischen Wirtschaftstag“ [5] bietet der vorliegende Band der Werkausgabe einen hervorragenden Einblick in die Verstrickung der deutschen Wirtschaft und ihrer führenden Charaktermasken in die Verbrechen des Nazifaschismus.

Manfred Steglich

 

[1] Alfred Sohn-Rethel: Die deutsche Wirtschaftspolitik im Übergang zum Nazifaschismus. Analysen 1932-1948 und ergänzende Texte. Herausgegeben von Carl Freytag und Oliver Schlaudt. Mit Beiträgen von Harun Farocki und Madeleine Bernstorff sowie dem Film Zwischen zwei Kriegen von Harun Farocki, Freiburg 2016, ça ira Verlag

[2] Dabei handelt es sich um einen informellen, zweimal wöchentlich verschickten Informationsdienst für die obersten Entscheidungsträger in der Großindustrie, der Politik und des Militärs. Um die naheliegende politische Assoziation mit Adolf Hitler zu vermeiden, wurden die Deutschen Führerbriefe von den Herausgebern Meynen und Reuter 1933 in Deutsche Briefe umbenannt. „Zu ihrer Leserschaft gehörten außer den ‚Herren von der Wirtschaft‘ die oberen Reichswehrspitzen, Kabinettsmitglieder, führende Großagrarier, die Umgebung Hindenburgs etc. Die Führerbriefe waren also keine Pressekorrespondenz, und Journalisten waren vom Empfang ausgeschlossen.“ A. Sohn-Rethel, in: Kursbuch, Nr. 21, 1970

[3] Alfred Sohn-Rethel: Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus. Frankfurt a.M. 1973, Suhrkamp

[4] Carl Freytag zufolge waren Ernst Bloch und Alfred Kantorowicz Nachbarn, Erich Weinert lebte im selben Haus. Dessen Tochter Marianne und Sohn-Rethels Tochter Birgit waren gemeinsam bei den „Thälmann-Pionieren“.

[5] Alfred Sohn-Rethel: Industrie und Nationalsozialismus. Aufzeichnungen aus dem »Mitteleuropäischen Wirtschaftstag«. Herausgegeben und eingeleitet von Carl Freytag, Berlin 1992, Wagenbach

 

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Dialektik des Erwachens

Veröffentlicht: 6. Januar 2016 in Windstriche
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„Wie Proust seine Lebensgeschichte mit dem Erwachen beginnt, so muß jede Geschichtsschreibung mit dem Erwachen beginnen, ja sie darf eigentlich von nichts anderm handeln. So handelt diese vom Erwachen aus dem neunzehnten Jahrhundert.“ (PW580)

Dieses dialektische Bild ist nicht nur ein Hinweis auf die intendierte methodische Vorgehensweise im Passagenprojekt, sondern macht vor allem auch deutlich, wie sehr sich das Benjaminsche Denken dem Prousts verpflichtet weiß. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts der französische Lebensphilosoph Henri Bergson die Kategorie des „reinen Gedächtnis“ (mémoire pure) als das entscheidende Kriterium für philosophische Erfahrung definiert, sieht sich der Schriftsteller Marcel Proust in seinen eigenen Beobachtungen der zeitlichen Phänomene bestätigt. Das Erleben der Zeit und deren verschiedene Wahrnehmungsweise macht er zum bestimmenden Thema seines Romans À la Recherche du temps perdu, von dem Benjamin selbst Teile ins Deutsche übertragen hat. Vor allem aber ist Prousts Recherche dem Wiederfinden jener „verlorenen“ Zeit gewidmet, als die ihm die eigene Kindheit erscheint. Aus der „mémoire pure“ Bergsons wird so bei Proust die „mémoire involontaire“, das unwillentliche Gedächtnis der zufälligen Erfahrung. Denn allein dieses «intentionslose» Eingedenken, dieses von jeglicher Willkür der bewussten Intelligenz befreite Gedächtnis, ist Proust zufolge fähig, ein «Wiederfinden» von Vergangenem zu ermöglichen. In der wiedergefundenen Zeit verschlingen sich Vergangenes und Gegenwärtiges traumhaft ineinander; Wirklichkeit (als die Erinnerung hervorrufende Sinneswahrnehmung, wie etwa der Geschmack der Madeleine) und Vorstellung (als Erinnerungsbild) kommen zur Symbiose. Der Protagonist Marcel hat sein Entrinnen aus der Zeit mit deren Verlust zu bezahlen. Die zeitlose Zeit („un peu de temps à l’état pur“) erweist sich ihm gleichwohl als positiver Erlebnisgehalt, in der Vergangenheit und gegenwärtiger Augenblick zur Koinzidenz gekommen sind. Benjamins Rekurs auf die eigene Kindheit hingegen verfolgt eine Intention, die sich erkenntniskritisch fundiert.

„Sollte Erwachen die Synthesis sein aus der Thesis des Traumbewußtseins und der Antithesis des Wachbewußtseins? Dann wäre der Moment des Erwachens identisch mit dem «Jetzt der Erkennbarkeit», in dem die Dinge ihre wahre -surrealistische – Miene aufsetzen. So ist bei Proust wichtig der Einsatz des ganzen Lebens an der im höchsten Grade dialektischen Bruchstelle des Lebens.“ (PW,579)

Indem er die vergangenen Bilder seiner Kindheit noch einmal beschwört, die Plätze, Personen, Interieurs, bleibt seine Spurensuche in der Vergangenheit doch stets auf die Zukunft gerichtet. „Die Vergangenheit“ so heißt es in den geschichtsphilosophischen Thesen, „führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird“. Vermittels des Erinnerns an das Geschehene zeigt sich ein Moment der Rettung: Benjamin fundiert es in einer Art eschatologischer Hoffnung in die Kategorie des Erwachens, Erwachen als Synthesis von Traumbewusstsein und Wachbewusstsein im „Jetzt der Erkennbarkeit“, in dem die Dinge ihre „wahre Miene“ aufsetzen. Der Untergang des Subjekts und die Rettung des Menschen werden bei Benjamin zusammengedacht. Dieses Zusammendenken von Gegensätzen ist ein entscheidendes Merkmal in Benjamins Philosophie, dem wir immer wieder begegnen. Gleichzeitig macht es sein Interesse für die Allegorie deutlich, deren Wesen die dialektische Kraft der Gegensätze ist. Wie bereits im Barockbuch die Konstruktion der Trauer auf den dialektischen Umschlag in Erlösung verweist, so gilt dies generell für Benjamins Geschichtsphilosophie. An ihrem Ende steht die Allegorie der Erlösung. Benjamin hat versucht Prousts Recherche aus dem Persönlichen ins Historische zu übersetzen. Im schockartigen Bewusstwerden auf der Schwelle zwischen Traum. und Erwachen sind so seine dialektischen Bilder angesiedelt. Geschichte ist nicht länger als Prozess Gegenstand der Erfahrung; Geschichte im Sinne’ Benjamins ist vielmehr die spannungsreiche Konstellation zweier Zeitmomente. Nichts Geringeres ist unter “Dialektik im Stillstand” zu verstehen.

 

Konditionierungsmaschine

Veröffentlicht: 8. Januar 2014 in Windstriche
Die mediale Konditionierungsmaschine ist auch im Rundfunk allgegenwärtig. Eingeklemmt zwischen 60er-Jahre Mainstreammusik und Werbung verabreicht das Morgenjournal von Radio Bremen subkutan die tägliche Dosis zur sozialen Abrichtung. Neben weiteren Augenzeugenberichten über das vorgestern über dem Nachthimmel Bremens gesichtete UFO und der weltbewegenden Nachricht, in welches südliche Trainingswinterlager die heimischen Fußballidole von Werder Bremen heute fliegen, gibt es Zitate von unbekannten Arbeitsmarktexperten zu hören, wie sehr ein Mindestlohn von 8,50 Euro der Wirtschaft schade und letztlich zum Abbau von Arbeitsplätzen führe. Passgenaue und wohldosierte Frühstücksinformationen also für den um seinen Job bangenden prekär Beschäftigten. Und damit auch dem letzten unbelehrbaren Radiohörer bewusst wird, wer am ganzen Elend schuld ist, wird das entsprechende Feindbild gleich mitgeliefert. So klagt nur einen Beitrag später ein anderer vermeintlicher Experte das unmissverständliche Vorgehen des “Staats” gegen “Hartz IV-Schmarotzer und Scheinselbständige” ein und beruft sich dabei auf den Koalitionsvertrag. Wer gedacht hat, dass in Deutschland der Tiefpunkt der sozialen Verrohung und Entsolidarisierung mit der Vollstreckung der Agenda 2010 erreicht sei, wird in diesen Tagen eines Besseren belehrt. Das Fatale dabei: die Mehrheit hierzulande ist mit dieser Entwicklung absolut einverstanden. Da nutzt es dann auch nichts mehr einfach das Radio abzuschalten. Dieses Land hat ganz offensichtlich die Regierung, die es verdient, wie die Regierung das Volk, das sie sich im Interesse der Herrschenden wünscht.

Bernhard Hoetger, geboren am 4. Mai 1874 bei Dortmund als Sohn eines Schmieds, studiert nach einer Ausbildung zum Steinmetz an der Kunstakademie Düsseldorf. Von 1900 bis 1907 lebt er in Paris. Unter dem Einfluss von Maillol und Rodin entwickelt er in seinen Werken einen immer stärker werdenden expressionistischen Stil aus und steht als Architekt den Ideen des Deutschen Werkbunds und des Jugendstils nahe. Der Backsteinexpressionismus des Darmstädter Werkbunds ist repräsentativ für sämtliche Arbeiten Hoetgers, insbesondere auch für die mit allen Stilrichtungen der Zeit experimentierende Architektur in der Böttcherstraße. 1906 macht er in Paris die Bekanntschaft mit Paula Modersohn-Becker, die ihm von der Künstlerkolonie Worpswede berichtet. 1909 wird Hoetger zum Professor an die Darmstädter Künstlerkolonie berufen, einem Zentrum des Jugendstils in Deutschland. In den Folgejahren arbeitet er am berühmten Platanenhain auf der Mathildenhöhe und schafft dort zahlreiche weitere Plastiken und Kunstobjekte. Nach einer kurzen Zeit in Fischerhude lässt er sich schließlich in Worpswede nieder und prägt in den folgenden Jahren mit seinen Bauwerken und Plastiken die künstlerische Weiterentwicklung der 1889 gegründeten Künstlerkolonie. Der „Anarchist vom Weyerberg“, wie Hoetger auch genannt wird, verarbeitet als eine Art Vorreiter der Postmoderne in seinen Werken auf eklektische Weise die verschiedensten Epochen und Stilrichtungen und „filtert [dabei] aus den Religionen und Philosophien“ immer genau das heraus, was in sein ästhetisches Weltbild passt. Hoetger sympathisiert in jenen Jahren mit der sozialistischen Arbeiterbewegung und der Idee des Kommunismus. In diesem Zusammenhang fertigt er nach der Zerschlagung der Bremer Räterepublik eine Pietá zur Erinnerung an die gefallenen Arbeiter und Revolutionäre. Das “Revolutionsdenkmal” wurde am 19.06.1922 auf dem Waller Friedhof eingeweiht. Noch heute gedenken an der Stelle des von den Nazis zerstörten Denkmals jedes Jahr am 4. Februar viele Bremerinnen und Bremer der Opfer und der Niederschlagung der Räterepublik. Seine Sympathie für den Kampf der Arbeiter um ihre Rechte und deren Leben drückt Hoetger nochmals deutlich in seinem „Zyklus des Lebens unter dem Stigma der Arbeit“ aus. Die von ihm geschaffenen acht Skulpturen an der Backsteinfassade des 1928 erbauten Gewerkschaftshauses in Walle beschreiben eindringlich das von Mühsal und Fron behaftete Leben der Arbeiter und ihrer Familien in der Weimarer Republik. In dieser Zeit (1926) macht Hoetger die Bekanntschaft mit dem Bremer Kaufmann und Kunstmäzen Ludwig Roselius, der der Ideologie des Nazismus und dem völkisch-nordischen Gedanken nahesteht. Roselius glaubt an den „unersetzlichen Wert der nordisch-niederdeutschen Rasse“ und steht unter dem Einfluss des antisemitischen Kulturpessimismus eines Julius Langbehn und des niederländischen Rasseideologen Herman Wirth. Roselius gelingt es rasch, Bernhard Hoetger für seine Ideen zu entzünden. Fortan betrachtet dieser die künstlerische Neugestaltung der Bremer Böttcherstraße als seine Lebensaufgabe.

März 1933: Auf Beschluss des Bremer Senats (!) werden die Hoetger-Figuren aus dem „Zyklus des Lebens unter dem Stigma der Arbeit“ von der Fassade des Gewerkschaftshauses entfernt und „im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ eingeschmolzen.

Sommer 1933: Vandalisierende Nazi-Horden zerstören auf dem Waller Friedhof Hoetgers Denkmal zur Erinnerung an die gefallenen Arbeiter und Revolutionäre der Räterepublik.

Sept. 1933: Hitlers Reichskabinett verabschiedet das sogenannte Reichskammerkulturgesetz. Ab diesem Zeitpunkt besteht für jeden Kulturschaffenden Zwangsmitgliedschaft in der „Reichskulturkammer“. Wer im Sinne der Nazis „nichtvölkische Kunst“ schafft, wird kurzerhand ausgeschlossen, gilt als Verfemter, was einer Vernichtung der bürgerlichen Existenz gleichkommt.

1934: Hoetger wird Mitglied der NSDAP und zieht nach Berlin. Er versucht mit aller Macht, die Gunst der Nazis zu gewinnen und die Partei für seine von der völkisch-nordischen Ideenwelt beeinflusste expressionistische Kunst zu überzeugen.

April 1936: Nach einem Auftrag seines Mäzens Roselius fertigt Hoetger für den Nordeingang der Böttcherstraße das Bronzerelief „Der Lichtbringer“. Auf dem Fries wird ikonografisch der Kampf des Erzengels Michael mit dem Höllendrachen dargestellt. Hoetger widmet seine Arbeit Adolf Hitler und schreibt in einem Brief an den Nazi-Architekten Helfrich: „Gibt es wohl einen höheren Ausdruck der Verehrung unserer vom Führer geschaffenen Zeit, wie es sich in meinem neuen Relief ’Der Lichtbringer’ offenbart?“

Sept. 1936: Hitler erklärt in einer Rede auf dem Nürnberger Reichsparteitag Hoetgers Kunst für entartet: „Wir haben nichts zu tun mit jenen Elementen, die den Nationalsozialismus nur vom Hören und Sagen her kennen und ihn daher nur zu leicht verwechseln mit undefinierbaren nordischen Phrasen und die nun in irgendeinem sagenhaften atlantischen Kulturkreis ihre Motivforschungen beginnen. Der Nationalsozialismus lehnt diese Art von Böttcherstraßen-Kultur schärfstens ab.“

1938: Hoetger wird aus der NSDAP ausgeschlossen.

1943: Hoetger flieht vor dem Zugriff der Nazis in die Schweiz und stirbt zurückgezogen im Juli 1949 in Interlaken.

(ms)

Ruine und Warenfetisch

Veröffentlicht: 11. November 2012 in Windstriche

“Allegorien sind im Reiche der Gedanken, was Ruinen im Reiche der Dinge.” (Benjamin, UdT, 197) Sie sind Ansammlungen vergangener Tendenzen und Entwicklungen in der Gegenwart. Das Wesen der Ruine scheint in der Tat geradezu paradox: bringt sie doch jeder weitere Verfall ihrer eigentlichen Bestimmung, ihrem So-Sein als Ruine näher. Benjamin hat sich im Ruinenkapitel des Trauerspielbuchs den antagonistischen Kräften der Ruine zugewendet. Die Faszination der barocken Kunst an der Ruine, so seine Erkenntnis, hat ihre Ursachen mitnichten in einer nostalgischen Verklärung des Vergänglichen, wie sich vermuten ließe, sie begründet sich vielmehr im Wesen der Allegorie selbst, dem Vermögen, im Bruchstück das notwendige Komplement zum Ganzen zu sehen. Zerstückelung freilich ist ein wesentliches Merkmal der Moderne. Benjamin hat deshalb in seinen Arbeiten zur bürgerlichen Gesellschaft immer wieder an diese Fähigkeit der Allegorie anzuknüpfen versucht. Wie es zunächst mittels Allegorese den falschen Schein der Totalität zu zerstören gelte, so ist der nächste Schritt des Allegorikers die Entzifferung der Bruchstücke der alltäglichen Dingwelt um dem Wesen der Erscheinungen auf die Spur zu kommen.

Spätestens mit Beginn der Passagenarbeit zieht Benjamin in seine Überlegungen grundlegende Elemente der Marxschen Analyse der bürgerlichen Gesellschaft ein. Die Entwicklung der Warengesellschaft als notwendiges Medium der Selbstverwirklichung des Kapitalismus zielt auf Katastrophe. Die Warengesellschaft ruiniert zugleich die Ware und den Menschen als autonomes Subjekt. Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, erscheint Benjamin gleichsam als Kristallisationspunkt des ruinösen Kapitalismus, in dem der Keim der selbstzerstörerischen Kräfte bereits angelegt ist. Die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts veranstalteten Weltausstellungen, als Schauplätze des Reichtums und vielfältigen Angebots an Konsumtionsgütern, enthüllen auf frappierende Weise, dass die Mehrzahl der an ihrer industriellen Produktion beteiligten Menschen von dem Genuss dieser Güter für immer ausgeschlossen bleibt.

Machen die nützlichen Eigenschaften eines Dinges, indem sie menschliche Bedürfnisse befriedigen, dieses zum Gebrauchswert für den Menschen, so drückt sich m ihrem Tauschwert der soziale Grundwiderspruch in der warenproduzierenden Gesellschaft aus. “Die Entwertung der Dingwelt in der Allegorie wird innerhalb der Dingwelt durch die Ware überboten.” (I, 660) Denn “nichts entwertet die Dinge so sehr wie die Welt der Dinge selbst”, eine Welt, in der die Ware statt Gebrauchswert vor allem Tauschwert ist. Bereits in den frühen Entwürfen verweist Benjamin darauf, dass er seiner Arbeit über die Pariser Passagen, das Marxsche Konzept des Fetischcharakters der Ware zugrundelegt.

“Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt. daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein von außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. [ … ] Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.” (Marx, MEW 23, 86f)

Der Fetischcharakter der Ware entspringt mithin 1. den besonderen Eigenschaften der Arbeit, welche die Waren produziert und 2. aus dem Verlust des allgemeinen Bewusstseins, dass die Ware ein genuines Produkt gesellschaftlicher Organisation ist. In der warenproduzierenden Gesellschaft sind die sozialen Verhältnisse zu Verhältnissen zwischen Dingen geworden. Verdinglichung und Entfremdung sind somit wesentliche Momente des Warenfetischismus. Benjamin versucht, den Doppelcharakter im Wesen der Ware, nämlich zugleich Gebrauchswert und Tauschwert zu sein, für sein Projekt fruchtbar zu machen und in sein Allegoriekonzept einzubinden. So erscheinen ihm etwa die Pariser Passagen, ursprünglich typische Produkte des raschen Aufkommens des Textilhandels, als stofflich geronnene, naturwüchsige “Kultstätten des Handels”, als heimliche “Tempel der Ware”, als wuchernde “Urlandschaft der Konsumption”. Bereits hinter diesen Bildern verbirgt sich die spätere (materialistische) Erkenntnis, dass es sich bei den Passagen schlechthin um materiale Symbole für die ökonomische Basis der kapitalistischen Moderne handelt, um Orte des Warenfetisch, in denen sich die Geschichte der warenproduzierenden Gesellschaft gleichsam erschöpft. Oder in der geschichtsphilosophischen Diktion Benjamins formuliert: wie die Beziehungen der Menschen zu Warenbeziehungen, so ist auch die Ware selbst zur Allegorie geworden.

Das Zentralproblem der klassischen idealistischen Philosophie in der bürgerlichen Gesellschaft begründet sich in deren Widersprüchlichkeit: Einzelnes und Ganzes, Individuum und Gattung, Subjekt und Objekt, Freiheit und Notwendigkeit, Kultur und Natur treten auseinander.

Das jähe Auseinanderfallen von Erlebniswelt und wissenschaftlich-technisch objektivierter Natur führte in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zu einer Krisis der Wissenschaften, die weder die existentiellen Fragen des Menschen zu beantworten, noch ihm eine positive Wertorientierung zu geben wussten. Waren sie einst mit der hehren Versprechung angetreten, ewige Wahrheiten zu enthüllen, so erweist sich die cartesianische Hoffnung in der Moderne als Illusion, erschöpft sich doch der Erkenntniszuwachs der Wissenschaften in immer dürftigeren und kurzfristigeren Aussagen. Die Wissenschaften haben, um ein Wort Max Webers aufzunehmen, nicht nur die empirische Welt “entzaubert” und trivialisiert, sondern schließlich auch sich selbst.

Diese Erfahrung des Scheiterns der aufklärerischen Vernunft in der Geschichte ist ein gemeinsames Moment der Entwürfe von Baudelaire, Marx und Nietzsche, die sich auf jeweils höchst unterschiedliche Weise um eine kritische Untersuchung dessen bemühten, was in der modernen Gesellschaft “neu” ist und wie sich die veränderten Bedingungen in ihr kulturell niederschlagen. Ihrem Denken ist Benjamin in hohem Maße verpflichtet.

Freilich erst mit der Etablierung der Soziologie als einer unabhängigen Disziplin am Ausgang des 19. Jahrhunderts werden die Erfahrungsweisen des Menschen in der Moderne wissenschaftlich ernstgenommen und zu einem relevanten Untersuchungsgegenstand. Für Benjamin – dies gilt in ähnlicher Weise für Kracauer – sind in diesem Kontext Max Weber, vor allem jedoch Georg Simmel von Bedeutung.
Webers Ausgangspunkt zur Analyse der Modernisierungsprozesse ist die Begründung der Soziologie als eine systematische Wirklichkeits- bzw. Kulturwissenschaft.

“Die Sozialwissenschaft, die wir treiben wollen, ist eine Wirklichkeitswissenschaft. Wir wollen die uns umgebende Wirklichkeit des Lebens, in welches wir hineingestellt sind, in ihrer Eigenheit verstehen – den Zusammenhang und die Kulturbedeutung ihrer einzelnen Erscheinungen in ihrer heutigen Gestaltung einerseits, die Gründe ihres geschichtlichen So-und-nicht-anders-Gewordenseins andererseits. (Weber, 1973,212)

Für Weber, der dem zweckrationalen Handeln methodisch eine bevorzugte Stellung einräumt, geht es also nicht darum, nach dem Vorbild der nomologisch verfahrenden Naturwissenschaften, empirisches Wissen anzuhäufen. Ihn interessieren vielmehr die Erscheinungen der Wirklichkeit allein unter werthaften Aspekten sowie in ihrer historischen Bedingtheit. Theorien, welche nach Gesetzmäßigkeiten suchen, sind nicht das Ziel, sondern das Erkenntnismittel der Soziologie, sie gestatten die Ableitung von Gesetzeshypothesen über empirische Regelmäßigkeiten und dienen der Erklärung. Es gelte daher, die heterogenen Verfahrensweisen, Ziele und Voraussetzungen von Natur- und Kulturwissenschaften zum Ausgleich zu bringen. “Soziologie soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinen Wirkungen ursächlich erklären will.” Mit anderen Worten hat die Soziologie die sozialen Tatsachen in ihrer Kulturbedingtheit zu verstehen und zugleich in dieser zu erklären. Um die “unendliche Mannigfaltigkeit” der Wirklichkeit unter der Prämisse der Dualität von Erklären und Verstehen zu fassen, bedurfte es freilich einer entsprechenden wissenschaftlichen Vorgehensweise, die Weber in der “idealtypischen Methode” gefunden zu haben glaubte. Der aus der idealtypischen Methode gewonnene Idealtypus basiert auf historischen Erfahrungen und Realitäten, er ist jedoch keineswegs als bloße Wiedergabe oder Abbildung geschichtlicher Wirklichkeiten zu verstehen.
“Er wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht vorhandener Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem einheitlichen Gedankenbilde. In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar, es ist eine Utopie … ” (Weber, 1973,235)

Webers Idealtypen sind also “Gedankenbilder”, künstliche Konstruktionen aus der Steigerung und Synthese bestimmter Elemente der Realität – er prägt in diesem Kontext die Kategorie der “objektiven Möglichkeit” – denen ein spezifisches Erkenntnisinteresse vorgeschaltet ist, welches sich um das Verstehen und Erklären der sozialen Phänomene und das Verhalten und Handeln der Individuen in der modernen Gesellschaft bemüht.

Es ist hier nicht der Ort, um angemessen auf die diffizilen Antinomien in Webers komplexer wissenschaftstheoretischer Konzeption einzugehen – genannt sei nur das problematische Verhältnis der Kategorialbestimmungen Erklären und Verstehen -, denn offensichtlich beschränken sich diese Antinomien nicht allein auf die Verfahrensweisen und Ziele der Sozialwissenschaften, sondern haben gerade auch Konsequenzen für deren epistemologischen Voraussetzungen. Gleichwohl hat Benjamin in seinen dialektischen Bilder wesentliche Elemente der Webersehen Methode einer Soziologie der bürgerlichen Gesellschaft – sozusagen den soziologischen Blick Webers – für seine eigenen Untersuchungen fruchtbar gemacht. Dies freilich gilt in noch weit höherem Maße für die Fragmente einer Theorie der Moderne, wie sie Georg Simmel entworfen hat.

Der Kulturphilosoph Georg Simmel (1858-1918) war wohl der erste Soziologe der Moderne in der ursprünglichen Intention Baudelaires. In seinem zu Beginn des 20.Jahrhunderts veröffentlichten Hauptwerk, der Philosophie des Geldes, hat Simmel den Versuch unternommen eine Art Fundament für eine dialektische Theorie der Moderne zu legen, die sich an den vielfältigen Erscheinungen der kapitalistischen Realität orientiert. Systematisch ausgeführt hat er diese freilich nicht. Seine programmatische Erklärung, dem historischen Materialismus “ein Stockwerk” unterzubauen, blieb jedenfalls uneingelöst. Andererseits verweisen bereits die Schlüsselkategorien “Wechselwirkung” und “Vergesellschaftung” auf sein außerordentliches Interesse an den Phänomenen der sozialen Wirklichkeit. Die Gesellschaft erscheint bei ihm als ein sich ständig wechselndes Gebilde, über welches sich das Gewebe der sozialen Beziehungen spannt. “Es ist ein Grundbestreben Simmels, jedes geistige Phänomen seines fälschlichen Für-sich-seins zu entheben und zu zeigen, wie es eingebettet ist in die großen Zusammenhänge des Lebens”, schreibt 1920 Kracauer in einer Studie über Georg Simmel (siehe Kracauer, 1927, 209ff) , dem “Impressionisten der Soziologie”, als den ihn Georg Lukacs bezeichnete. Die Befreiung der Dinge aus ihrer Vereinzelung, das Aufzeigen der Wesenszusammengehörigkeit der verschiedensten Phänomene in einer immer komplexer und scheinbar zerrissener werdenden Moderne ist die eigentliche Entdeckung Simmels und bildet das originäre Kernprinzip seiner Kulturtheorie.

“Simmel weist etwa nach, wie eine ausgeprägte Geldwirtschaft auch das außerökonomische Verhalten der Individuen, den ganzen Lebensstil der Epoche bestimmt, und erkundet derart den durch den Eintritt irgendeines einzelnen sozialen Ereignisses hervorgerufenen Zustand der sozialen Gesamtmannigfaltigkeit. Oder er befreit in Abhandlungen wie der über die Geselligkeit, über die Koketterie usw. eine Reihe von Phänomenen aus ihrer Isolierung, indem er den ihnen allen gemeinsamen Sinn bzw. Entstehungsgrund bloßlegt, aus dem sich das Eigensein eines jeden von ihnen erklären lässt. So wird Geschiedenes miteinander verbunden, Zerstreutes vereinigt und zu großen Büscheln zusammengefasst und der Schleier zerteilt, der für gewöhnlich, dem Nebelmeer im Hochgebirge gleich, die Dingverkettungen so dicht umflort, dass nur noch die Gipfel vereinzelter, für sich seiender Dinge über ihn herausragen.” (Kracauer, 1927, 219)

Simmels Versuch einer »Phänomenologie» der Moderne fand auch Benjamins Interesse, sah er doch hier einen der wenigen Theoretiker der jungen soziologischen Disziplin, der sich nicht nur mit den komplexen sozioökonomischen Veränderungen beschäftigte, die sich mit dem Aufkommen der historischen Formation des Kapitalismus verknüpften, sondern explizit auch mit den damit verbundenen neuen Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen der menschlichen Existenz.

Im Zentrum seiner analytischen Bemühungen um ein fundiertes Verständnis der bürgerlichen Warengesellschaft steht bei Simmel der »moderne«, sich selbst entfremdete Mensch in den Großstädten, die ihm als signifikante Schauplätze der rasanten Umwälzungen des Kapitalismus und seiner Warenzirkulation erscheinen.
“Die Städte sind zunächst die Sitze der höchsten wirtschaftlichen Arbeitsteilung; sie erzeugen darin so extreme Erscheinungen, wie in Paris den einträglichen Beruf des Quatorzieme. Personen, durch Schilder an ihren Wohnungen kenntlich, die sich zur Dinerstunde in angemessenen Kostümen bereithalten, um schnell herangeholt zu werden, wo sich in einer Gesellschaft 13 am Tisch befinden.” (Simmel, 1984,201)

Dieser aphoristische Splitter aus dem erstmals 1903 erschienenen Essay Die Großstädte und das Geistesleben macht auf brillante Weise den Aspekt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und die sich daraus ableitenden Entfremdungsprozesse innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft deutlich. Zunehmende Arbeitsteilung und Fragmentarisierung der Lebensbereiche, Komplexität und Beschleunigung des Lebenstempos in den Großstädten, nicht zuletzt vor allem auch die Verdinglichung der sozialen Beziehungen – all diese Folgeerscheinungen des Kapitalismus stehen dem Individuum und dessen Anspruch nach Selbständigkeit und Authentizität seines Daseins in krasser Weise entgegen. Aus dieser spezifischen Konstellation der fortgeschrittenen warenproduzierenden Gesellschaft resultieren Simmels Diagnose zufolge die tiefgreifenden Probleme der Moderne und das Leiden der Subjekte an ihr.

Zur Entzifferung der Phänomene korrelierte Simmel die »psychische Verfasstheit« (das “Geistesleben”) des modernen Menschen mit den unaufhörlich auf ihn einflutenden Impressionen in den Großstädten und beobachtete dabei eine ruinöse “Steigerung des individuellen Nervenlebens”. Der stete Wechsel von äußeren und inneren Eindrücken führe zudem zu einer fatalen Beschleunigung des Lebenstempos. Denn in der Komprimierung rasch wechselnder Bilder “verbrauche” sich das Bewusstsein der Individuen und der Einzelne verliere mehr und mehr die Fähigkeit die auf ihn eindrängenden Impressionen zu durchdringen und ihren Wahrheitsgehalt zu erfassen.

“Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft – mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens -, stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewußtseinsquantum … einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes.” (Simmel, 1984, 193)

In den Lebensordnungen von Ökonomie, Staat und Familie sieht Simmel- wie übrigens auch Max Weber – eine ähnliche Dynamik und Eigengesetzlichkeit entfaltet wie m den kulturellen Wertsphären Wissenschaft, Kunst und Moral, wobei der Markt in der warenproduzierenden Gesellschaft offensichtlich die Rolle eines Komplexität erzeugenden Mechanismus spielt. Über das Medium des Geldes treibt er die gesellschaftliche Arbeitsteilung voran und somit den Komplexitätsgrad der Kultur insgesamt.

Im Gegensatz zum Bourgeois und Flaneur Baudelaire vermag Simmel wesentliche Triebkräfte des Kapitalismus und der aus diesem resultierenden Produktionsverhältnisse zu erkennen. Geldwirtschaft und Verstandesherrschaft – Simmel zufolge typisches Merkmal kapitalistischer Urbanisierung und Rationalisierung, gleichzeitig aber auch notwendiges “Präservativ des subjektiven Lebens gegen die Vergewaltigung der Großstadt” – stehen für ihn in “tiefstem Zusammenhang”.

“Ihnen ist gemeinsam die reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen, in der sich eine formale Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser Härte paart … Denn das Geld fragt nur nach dem, was ihnen allen gemeinsam ist, nach dem Tauschwert, der alle Qualität und Eigenart auf die Frage nach dem bloßen Wieviel nivelliert.” (Simmel, 1984, 193f)

Simmels Schüler Georg Lukacs hat in seinen Studien zu Geschichte und Klassenbewußtsein (1923) diese Erkenntnis einer Versachlichung der menschlichen Beziehungen aufgenommen, sie mit der Marxschen Analyse des Fetischcharakters der Ware verknüpft und schließlich zu seiner Theorie der “Verdinglichung” fortentwickelt. Wie das Geld – in der warenproduzierenden Gesellschaft Träger gesellschaftlicher Synthesis – zum herrschenden Vermittlungsorgan und alleinigen Äquivalententräger wird, indem es vom jeweiligen Gebrauchswert der Waren abstrahiert, so unterwirft es Menschen und Dinge gleichermaßen seiner immanenten »Rationalität«, in der alle anderen möglichen Beziehungen zwischen diesen vernichtet sind.

So ist die Entfremdung des Menschen in der Moderne vor allem auch eine Folge der Verdinglichung, der realen Abstraktionsprozesse der entfalteten Geldwirtschaft an der traditionalen Gesellschaft, die daran zerfällt. Dies hat Simmel im Wesentlichen erkannt und er wurde mit seiner essayistischen Prosa der seiner Meinung nach adäquatesten Darstellungsform in der »schnelllebigen« Moderne, weil im Essay Lebenstempo und Prosarhythmus auf seltsame Weise in Einklang gebracht sind – zu einer entscheidenden Inspirationsquelle für Autoren wie Lukacs, Bloch, Kracauer, Adorno, um nur die wichtigsten zu nennen – und zweifelsohne auch Benjamin.